Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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hatte, hielt er ſich von ſeinen Mitgefangenen noch ent-
fernter als Hermann; denn er ſah mit tiefer Verach-
tung auf ſo manche unter ihnen, von denen er wußte,
daß ſie durch grobe Vergehungen ſich langwierigen Fe-
ſtungsarreſt zugezogen hatten.
Ganz lange pflegt indeſſen das menſchliche Herz
in ſolcher Theilnahmloſigkeit nicht zu verharren. Auch
der Oberſt von D. fühlte nur zu bald das dringendſte
Bedürfniß, ſich in ſeiner verhängnißvollen Abgeſchieden-
heit von der übrigen menſchlichen Geſellſchaft zu unſer-
halten, und da er den Grund der Verhaftung des Pro-
viſors H. in Erfahrung gebracht, ſonſt aber durchaus
nichts Nachtheiliges von ihm gehört hatte, ſo ſuchte er
ihm auf den Spaziergängen in dem beſchränkten Raume
der Citadelle Rede abzugewinnen.
Anfangs waren dieſe vom Oberſten begonnenen Un-
terredungen äußerſt einſilbig und kurz; allein das Be-
dürfniß, ſich mitzutheilen, das Herz einmal recht aus-
zuſchütten, brachte bald die beiden Leidensgenoſſen ein-
ander näher. Jhre Unterhaltungen wurden immer
länger und intereſſanter, und endlich bei genauerer Be-
kanntſchaft faßten ſie wechſelſeitig Vertrauen gegen ein-
ander, das von Tage zu Tage herzlicher und entſchie-
dener wurde.
Offen theilten ſich die beiden Leidensgefährten ihre
Schickſale mit, ſowie auch ihre Hoffnungen, Beſorgniſſe
und Befürchtungen für die nahe und entfernte Zukunft.
Die Strafzeit Beider lief faſt zugleich ab. Der
Oberſt von D. hatte Hermann während des einjährigen,
faſt täglichen Beiſammenſeins überaus liebgewonnen,
ſobald ſich nur Hermann's Herz ihm geöffnet hatte.
Freilich hatte Hermann unwillkürlich faſt jeden
Tag ſeine Klagen darüber laut werden laſſen, wie er
nach erlangter Freiheit doch immer ein kummervolles
Loos haben würde, ja, bei gänzlicher Vermögensloſig-
keit, vom Vertrauen des Publikums verlaſſen, wohl
gar der ſchrecklichſten Noth anheimfallen könnte; allein
der gute Oberſt von D. hatte ihn ſtets zu tröſten ge-
wußt, und mitten in der Ausübung dieſes ſchönen Be-
rufes hatte er täglich mehr den Wunſch in ſich genährt,
dieſem braven jungen Manne zu helfen.
Nun traf es ſich gerade, daß um die Zeit, wo
beide Gefangene wieder in Freiheit geſetzt werden ſoll-
ten, in M. eine Apotteke zum Verkauf ausgebotenwurde.
Der brave Oberſt von D. erfuhr dies zuerſt und zwar
ganz zufällig durch die gewöhnlichen Anzeigen, um die
er ſich bisher eben nicht bekümmert, die er aber dies-
mal mit Aufmerkſamkeit geleſen hatte. Kaum hatte er
dieſe Anzeige geleſen, ſo machte er Hermann darauf
aufmerkſam und ſprach:
"Nun, junger Freund, haben Sie nicht Luſt, dieſe
Apotheke zu kaufen und ſich hier in M. ſogleich als
Apotheker niederzulaſſen?"
"Ach!" ſeufzte der beſcheidene Hermann H., "wie
könnte ich daran denken, eine Apotheke kaufen zu wol-
len! Dazu gehört fürwahr ein großes Capital, und
Sie wiſſen es ja, Herr Oberſt, daß ich ganz vermögens-
los bin.

zeit im beſten Rufe der Sittlichkeit geſtanden hätte.
Wie ein Donnerſchlag traf die Liebenden dieſe Ent-
ſcheidung des Gerichts. Eliſe war wie zerſchmettert,
als ſie vernahm, daß ihr Hermann bereits am nächſten
Tage nach der Feſtung M. abgeführt werden ſollte, um
auf der dortigen Citadelle ſeine Strafzeit zuzubringen.
Hermanns Prinzipal erklärte nun ſofort die Ver-
bindung ſeiner Tochter Eliſe mit dem Verurtheilten für
völlig aufgehoben und überhäufte noch dazu den Un-
glücklichen mit den ſchrecklichſten Vorwürfen, nicht dar-
auf achtend, wie dieſer ſchon genug gepeinigt ward von
dem Bewußtſein ſeiner, von ſo traurigen Folgen beglei-
teten Fahrläſſigkeit. Hermann wußte indeſſen ſeiner
theuern Eliſe noch ein Billet zuzuſtecken, in welchem er
ſie bat, hente Abend zu einer namhaftgemachten Freun-
din zu gehen, dort wolle er ſie treffen, um von ihr Ab-
ſchied zu nehmen.
Die verhängnißvolle Stunde ſchlug; ein Polizei-
diener begleitete Hermann nach dem Hauſe, in welchem
dieſer Eliſe zu treffen hoffte. Wer aber malt die Scene
des Abſchieds, den jetzt die Liebenden von einander
nehmen mußten! Selbſt der Polizeidiener konnte ſich
der Thränen nicht erwehren, als er den herzzerreißen-
den Jammer Eliſens ſah, die ſich als die Urſache des
Unglücks anſah, das nun ihren Geliebten treffe; denn
ſie meinte, ſie ſelbſt hätte Hermann veranlaſſen müſ-
ſen, dem Lehrlinge die Zubereitung der verhängniß-
vollen Mediein nicht allein anzuvertrauen.
Hermann war gefaßt, ſuchte ſeine theure Eliſe
aufzurichten und dieſe ihre Selbſtvorwürfe als durch-
aus ungegründet darzuſtellen. "Laß uns noch hoffen,
meine Theure!" ſprach er, indem er ſie an ſein Herz
drückte. "Wie bald ſchwindet ein Jahr dahin! Dann
nehme ich wieder eine Stelle an, und hoffe auch Deine
Eltern wieder zu beſchwichtigen.
Er drückte noch einen Kuß auf ihre bleiche Lippen
und eilte mit dem Polizeidiener hinweg, während die
Zeugen dieſer Scene tieferſchüttert die zuſammenſinkende
Eliſe den Armen der Freundin überlieferten.
Der andere Morgen brach an - der verhängniß-
vollſte in Hermann's Leben. Er mußte den ſchweren
Gang zum Gefängniſſe antreten. Wohl hatte er ſeine
theure Eliſe noch mit der Hoffnung getröſtet, nach aus-
geſtandener Strafzeit wieder eine Stelle annehmen zu
können; allein wo ſollte er dieſe Stelle finden? War
nicht leider der unglückliche Vorſall, bei welchem er
durch eine Fahrläſſigkeit den Tod eines Menſchen ver-
anlaßt hatte, in weiter Umgegend bekannt? Mußte er
nicht fürchten, daß jeder Apotheker Bedenken tragen
würde, ihm eine Proviſorſtelle anzuvertrauen?
Dieſe Gedanken, dieſe Befürchtungen machten den
unglücklichen H. ſehr ſchwermüthig und in ſich gekehrt,
ſo daß er faſt allen, Umgang mit ſeinen Leidensgenoſſen
vermied. Zu Letzteren gehörte auch der Oberſt v. D.,
der einer Ehrenſache wegen zum Feſtungsarreſte ver-
urtheilt worden war. Dieſer Offizier ein großer, ſtaat-
licher Mann, in den fünfzigern, ging eben ſo in ſich
gekehrt und reſignirt vor allen ſeinen Mitgefangenen
vorüber. Da er kein eigentliches Verbrechen abzubüßen

(Schluß folgt.)
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