Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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die Frage iſt, wie wir ſie ernähren wollen; ſie ſind
ſo -"

Der Pfarrer ſchlug die Bibel auf und las mit lau-
ter Stimme: "Und wer einem von dieſen Kleinen auch
nur eine Schale kalten Waſſers zu trinken giebt, wahr-
lich ich ſage Euch. der wird ſeinen Lohn erhalten!"
Amen!" ſagte Margarita.
Am folgenden Tage ließ der Pfarrer den Leich-
nam der Mutter, den er neben dem Fluſſe gefunden,
begraben und laß die Todtenmeſſe für die Verſtorbene.
Gerade zwölf Jahre nach dieſer Begebenheit ſaß
der Pfarrer von San Pedro, der jetzt ſiebenzig Jahre
alt war, eines Tages vor ſeinem Hauſe, ſich in der
Sonne wärmend, es war Winter, und dies war das
erſte Mal ſeit längerer Zeit, daß die Sonne wieder
durch die Wolken brach. Zu ſeinen Füßen ſaß ein
Knabe von ungefähr zwölf Jahren, der laut las und
von Zeit zu Zeit nicht ohne Neid auf einen großen
ſtarken Jüngling von etwa ſechszehn Jahren hinblickte,
der eifrig in dem Garten des Pfarrhauſes arbeitete;
die alte Haushälterin, jetzt faſt erblindet, hörte dem
Kinde zu.
Jn dieſem Augenblick vernahm man das Geraſſel
eines Wagens; der Knabe rief, vor Freude aufjauch-
zend: "O, welche ſchöne Kutſche!"
Gleich darauf kam eine prächtige Kutſche auf der
Landſtraße von Sevilla her und hielt vor des Pfarrers
Thür an. Ein Diener in reicher Livre ſprang herab
und bat um ein Glas Waſſer für ſeinen Herrn.
Carlos," ſagte der alte Mann zu dem jüngſten
Knaben, "gieb dem gnädigen Herrn ein Glas Waſſer
und auch ein Glas Wein, wenn er die Güte haben
will, es anzunehmen. Mach ſchnell!"
Der vornehme Herr öffnete die Wagenthür und
ſtieg aus; es war ein Mann von ungefähr fünfzig
Jahren. "Sind das Eure Neffen?" fragte er den
Pfarrer.

ſpaniſche Gensd'armen mit Carabinern in den Hän-
den, und da ſie auf keinen Widerſtand des Verwun-
deten ſtießen, ſo verſicherten ſie ſich ſeiner. Sie er-
laubten dem Pfarrer, die gefährliche Wunde zu verbin-
den; aber trotz aller Warnungen des guten Prieſters
wegen der Gefahr, einen ſo ſchwer Getroffenen fortzu-
ſchaffen, hoben ſie den Leidenden auf einen Karren und
führten ihn ohne Weiteres ins Gefängniß ab.
"Einerlei," ſagten ſie, "laßt ihn ſterben, der Strick
iſt ihm doch gewiß, es iſt der berüchtigte Räuber
Joſe!"
Joſe dankte dem Pfarrer durch ein Kopfnicken, und
als dieſer ſich über ihn beugte, um ſeine trocknen Lip-
pen mit Waſſer zu netzen, ſagte er mit ſchwacher Stimme:
"Jhr wißt -"
Der Pfarrer antwortete ihm durch ein Zeichen, daß
er ihn verſtanden.
Sobald ſie fort waren, ging der Pfarrer trotz
aller Reden Margarita's, welche ihm die Gefahr und
Nutzloſigkeit eines ſolchen Unternehmens am ſpäten
Abend vorſtellte, durch einen Theil des Waldes in
der Richtung nach dem Waldſtrome. Als er dort an-
kam, fand er den Leichnam eines Frauenzimmers, das
wahrſcheinlich durch einen zufälligen Schuß getödtet
war. Ein Kind lag in ihren Armen, ein anderes an
ihrer Seite, ein Knabe von ungefähr 4 Jahren, er zog
an dem Aermel ſeiner Mutter, um ſie aufzuwecken,
denn er meinte, daß ſie nur ſchliefe.
Man kann ſich Margarita's Staunen denken, als
ſie den Pfarrer mit zwei Kindern zurückkommen ſah.
"Um aller Heiligen willen! was wollt Jhr mit
den Kindern anfangen? Wir haben kaum für uns ſelbſt
genug zu eſſen, und da bringt Jhr zwei Kinder mit?
Wir werden betteln müſſen, von Thür zu Thür, für
uns und ſür ſie. Und was ſür Kinder ſind es? Kin-
der von Vagabonden, Zigeunern oder Räubern! Jch
bin überzeugt, daß keins von beiden getauft iſt."
Jn dieſem Augenblick fing der Säugling an zu
ſchreien.


"Sie ſind mir theurer als Neffen: es ſind meine
Kinder - meine angenommenen Kinder."
"Wie verſtehe ich das?" fragte der Fremde
"Jch will es Jhnen erzählen, Sennor, denn ich
habe Nichts zu verhehlen; im Gegentheil, arm, alt und
unerfahren in der Welt, wie ich bin, bedarf ich eines
Rathgebers, wie ich das zukünftige Glück dieſer beiden
jungen Leute ſichern kann." Und er erzählte ihre Ge-
ſchichte, wie ſie dem Leſer bekannt iſt.
"Was rathen Sie mir aber nun aus ihnen zu
machen?" fragte er, nachdem er ſeine Erzählung beendigt.
"Fähnriche in der königlichen Garde; und damit
ſie ihrem Range gemäß leben können, wird es rathſam
ſein, ihnen ein jährliches Einkommen von zweitauſend
Piſtolen zu geben."
"Jch bat um einen Rath, nicht um einen Scherz
Sennor," erwiderte der Pfarrer.
"Außerdem muß Eure Kirche neu gebaut werden
und neben derſelben müſſen wir ein ſchönes, bequemes
Pfarrhaus errichten. Was ſagt Jhr dazu, frommer
treuer braver Mann? - Jch bin Don Joſe della Ri-
beira, vor zwölf Jahren der Räuber Joſe! Jch ent-

Und wie wollt Jhr dieſes Kind aufziehen? Wir
haben nicht die Mittel, eine Amme anzunehmen, wie
das arme mutterloſe Weſen ſie haben muß. Es muß
aufgefüttert werden, und Jhr wißt nicht, was ſür ſchlimme
Nächte das geben wird. Aber Jhr freilich werdet ru-
hig ſchlafen, während ich - da ſieh! das Kind iſt
kaum ſechs Monate alt. Glücklicherweiſe habe ich noch
etwas Milch, die ich ihm warm machen kann."
Jn ihrem Mitleid vergaß ſie den Verdruß, nahm
das Kind von den Armen des Pfarrers, wiegte es auf
ihrem Schoße und küßte es. Dann legte ſie es neben
dem Heerd nieder, knieete an ſeiner Seite und wärmte
die Milch.
Nachdem das Kind getränkt und eingeſchlafen war
wandte Margarita ihre Auſmerkſamkeit dem andern zu.
Der Mantel des Pfarrers diente als Bett; und als
die gute Haushälterin alle Einrichtungen gemacht, ließ
ſie ſich von ihrem Herrn erzählen, wie er die Kinder
gefunden und wie ſie ſeiner Fürſorge anvertraut wären.
"Das iſt Alles recht gut," ſagte Margarita, "aber
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