Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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ausgeführt. Das Gewehr, welches ich geſpannt hielt,
um dem vorbeijagenden Wild die Todeskugel zu ſen-
den, drückte ich auf das wilde Roß ab und traf ſogut,
daß es ſogkeich todt niederſtürzte. Das Fräulein war
gerettet.

Beſitzers oder eines von ſeiner Seite gehörig Bevoll-
mächtigten nöthig. Georg war hierzu beſtimmt geweſen,
allein ſein Onkel wünſchte ihn bei der Jagd des Nach-
bars zu ſehen.
Madame Müller bot ſich an, mit den Papieren
und Jnſtruktionen verſehen in die Stadt zu reiſen, und
mit dem Anwalt des Herrn v. Berg die Sache zu be-
ſprechen. Der Antrag wurde dankbar angenommen.
Cäcilie ließ die offene Kaleſche anſpannen, die ſie ſelbſt
kutſchiren wollte, um ihre treue Freundin bis zur näch-
ſten Station zu bringen, wo ſie den Poſtwagen beſtei-
gen ſollte. Georg ſchickte ſich zur Jagd an und Herr
v. Berg blieb allein im Schloß zurück.
Der Vormittag war bereits zu Ende; der Jagd-
lärm, welcher am Morgen in der Gegend ſich hören
ließ, wir nach und nach verhallt und in banger Unge-
duld ſaß der blinde alte Herr, Cäciliens Rückkehr er-
wartend, die nach ſeiner Berechnung längſt hätte er-
folgt ſein müſſen. Der Kammerdiener ſtand auf einer
Er öhung, von wo er die Straße überſchauen konnte,
denn die Ungeduld ſtieg bis zur Beſorgniß, als eine
Stunde nach der andern verſtrich, ohne Cäcilie zurück-
zubringen. Man kannte die Lebhaftigkeit des Mäd-
chens zu gut, man wußte, daß ihr unüberlegter Muth-
wille ihr leicht Gefahr bringen konnte. Herr v. Berg
machte ſich Vorwürfe darüber, daß er ihr nachgegeben
hatte. Ein plölicher Ausruf des Kammerdienirs weckte
ihn endlich aus ſeinen ſtummen Gedanken.
"Was iſt geſchehen?" fragte ängſtlich Herrv. Berg
"Ach Gott, dort kommt das gnädige Fräulein!
erwiderte er.

Herr v. Berg hatte des Fremden Hand ergriffen
"Was Sie hier mit ſo ſchlichten Worten erzählen, mein
Herr, iſt eine That, die ewig in meinem Herzen blei-
ben wird," ſagte er. "Sie haben mir das Leben in
dem Leben meiner geliebten Tochter erhalten, und mein
Dank dafür ſoll unbegrenzt ſein. Da Sie von der
Jagdpartie waren, ſo bin ich vieleicht ſo glücklich, den
Baron von Harten ſelbſt in Jhnen zu begrüßen."
"Sie ſehen einen Fremden vor ſich," ſprach der
Retter Cäciliens, "der zum erſten Male dieſes Land
beſucht, durch einen Zufall ihrem Nachbar bekannt wurde
und nun deſſen Gaſtfreundſchaft aufkurze Zeit genießr.
Jch bin ein Franzoſe, der Vicomte von Bellepierre;
meine Mutter war eine Deutſche, eine Beute, die mein
Vater aus einem der Napoleoniſchen Feldzüge heim-
brachte. Dieſem Umſtand verdanke ich die Kenntniß
Jhrer Sprache und die Vorliebe für Jhr herrliches
Vaterland:
Der Mann, der dieſe Worte ſprach, mochte die
Vierzig ſchon überſchritten haben, ſein Kopf zeigte nur
noch dünne Haare, welche den Scheitel nicht mehr be-
deckten, jedoch von einem glänzenden Schwarz waren;
die Augen blitzten und um den ſchön geformten Mund
ſchwebte jenes einnehmende Lächeln, welches gewandte
Weltmenſchen immer zu Gebote ſteht.
Der alte Herr v. Berg hielt noch immer die Hand
des Fremden in der ſeinigen; er ſchien mit ſich ſelbſt
über einen Entſchluß im Streite zu ſein.
"Herr Vicomte," ſagte er endlich, "nicht nur den
Zufall ſelbſt, der mich Jhnen ſo hoch verpflichtet hat,
ſondern auch Jhre Bekanntſchaft, zu welcher er Veran-
laſſung gab, machen es mir zu der angenehmſten Pflicht,
Sie einzuladen, unſere ländliche Einſamkeit auf einige
Zeit zu theilen. Es wird Jhnen vielleicht Vergnügen
machen, von rauſchenden Vergnügungen hier auszu-
ruhen. Betrachten Sie mein Haus als das Jhrige;
Sie ſollen ſtets Jhre Zimmer in Bereitſchaft darin
finden. Die Einwilligung in dieſe Bitte würde uns
alle nur noch zu größerem Danke verpflichten."
"Jch glaube nicht," entgegnete der Vicomte, "hof-
fen zu dürfen, einer ſo reizenden Einladung Folge lei-
ſten zu können, die mir einen Platz in dem Jnnern
einer eben ſo liebenswürdigen als achtungswerthen
Familie einräumt; ich werde nicht lange mehr hier
verweilen können; wichtige Angelegenheiten rufen mich
nach Frankreich. Da es mir aber geſtattet iſt, mich
Jhnen noch einmal vorzuſtellen, ſo werde ich vor mei-
ner Abreiſe mir erlauben, mich nach Jhrem Befinden
und dem Jhrer Tochter zu erkundigen, um die Gewiß-
heit mitzunehmen, daß der Schrecken keine nachtheiligen
Folgen für ſie gehabt hat."
Nach kurzem Verweilen empfahl ſich der Vicomte,
weil die Jagdgeſellſchaft ihn erwarte, um ihr, wie er
ſagte, den glücklichen Ausgang des Abenteuers zu mel-

"Und das ſagſt Du mit einem ſo herzzerſchneidenden
Ton?" fragte wieder Herr v. Berg.
Es muß wohl etwas paſſirt ſein," ſprach der Diener,
"allein es wird nichts zu ſagen haben, denn das Fräu-
lein geht ja zu Fuß am Arm eines fremden Herrn."
"Zu Fuße, ſagſt Du," rief Berg; "dann iſt frei-
lich etwas vorgefallen, o das tolle Mädchen!"
Da bin ich, lieber Vater," ſprach Cäcilie, indem
ſie lächelnd die Hand ihres Vaters ergriff, "ein we-
nig erſchreckt zwar, allein ſonſt ganz und geſund. Der
Himme! ſandte mir den Retter in der Perſon dieſes
trefflichen Schützen, den ich hiermit vorſtelle, obgleich
ich ſelbſt noch nicht ſo glücklich bin, ſeinen Namen zu
wiſſen.

Bei dieſen Worten verbeugte ſich ein ſchlanker
Mann mit ſtark markirten Zügen und einem feinem
Anſtand, in dem modernſten Jagdcoſtüme, der das Fräu-
lein am Arm führte.
"Jch war glücklicherweiſe zugegen," nahm er das
Wort, "als das Pferd mit dem leichten Wagen davon-
rannte und der ſchwachen Lenkerin nicht mehr pariren
wollte. Jch ſah den Abgrund, in den es in wenigen
Minuten geſtürzt wäre. Der Bediente war bereits von
ſeinem Sitze geſprungen, wahrſcheinlich um dem dahin
raſenden Thiere in die Zügel zu fallen, allein er war
nicht vermögend es einzuholen; ſeine Taktik ſcheiterte
an falſcher Berechnung der bewegenden Kräfte. Da
war mein Entſchluß ſchnell gefaßt und eben ſo ſchnell
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