Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Dr. Gemithlich.

Das Schützenfeſt, es iſt vorbei
Mit ſeinen vielen Reden,
Die Feſteshallen leeren ſich
Und ſchließen ihre Läden.

Die Fahne ſchlüpft in's Futteral
Die Büchſe ruht am Rücken,
Des Feſtes Gaben ziehen fort,
Den heim'ſchen Heerd zu ſchmücken

Die Frau'n daheim, die ſputen ſich
Die Sieger zu empfangen,
Sie folgten ja dem Feſtbericht
Tagtäglich nur mit Bangen.

Denn ach, die Wiener Damen all,
Hieß es, ſind ſchöne Kinder,
Und manche Hälfte fürchtete,
Jhr Schütz kehr' heim als Sünder.

Die Börſe und der Pulverſack
Sind leichter worden beide,
Und manchem unvergeßlich bleibt
Des Wirthes Doppelkreide!

Von liebgeword'ner Freundeshand
Gibt's manches Händedrücken;
Und eine Abſchiedsthräne glänzt
Jn mancher Schönen Blicken.

Kaum aber iſt beim letzten Glas,
Das letzte Hoch verklungen,
Kommt auch mit einem Defizit
Das Komits geſprungen.

Unſer Caffé Wach-
ter hott neilich 200
Schbazierſchtecke, die
vun e paar Johr her
dort ſchtehn geblie-
we ſinn effentlich ver-
ſchteege loſſe un de
Erlees davunzunſerm
Waiſehaus g'ſchenkt.
Bei der Auction is
mare ſonderbari Jdee
durch de Kopp gange.
Uff die Art - haw
ich gedenkt - kennte
mer aach emool un-
ſer Heidlberger Rick-
ſchrittsmänner, alſo
unſer lewendige
Schtecke, die bis dato nit mit der Zeit gange, ſon-
dern ſchtehn un zurick gebliewe ſinn, gemithlich
aus'm Weg kriche. Fort mit Schade! Um damit
uffzuraame! Mit'm "Pälzer Bott'" fange mar die
Verſchteegerung an. E Uhr, die ſchtehn gebliwe is,
un kee Zeit mehr anzeigt, muß entweder rebariert, odder,
wann ſe nit mehr zu rebariere is, verkimmelt werre,
daß ſe kee Blatz mehr verſchberrt. Fort mit Schade!
D'r "Pälzer Bott'" is nit mehr zu rebariere. Alſo
werd'r verkimmlt, Männer, un zum abſchreckende Bei-
ſchibel unner Glas un Rahme uff'm bollittiſche Kreembl-
mark uffg'henkt! Mit'm "Pälzer Bott'" fange mer die
groß Verſchteegerung an, un mit'eme gewiſſe Jakob
heere mer uff. Dann am Jakob is aach nix mehr zu
rebariere. Unſer Jakob bleibt ſchtehn wie d'r Paſchtor
Knak, der neilich die bekannt nei Weltordnung in
Berlin eingericht hott. Unſer Jakob bleibt wie er is.
Fort mit Schade! Unner Glas un Rahme, un uff
de bollittiſche Kremblmark mit'm. - Bei dere Gelegen-
heit biete mer dann aach gleich noch ſunſchtige Heidl-
berger Kurioſitäte aus. Per Exempl: die merkwerdig
Heidlberger Anſicht: Unſer Schtadt dhät demoraliſirt
werre, wann mer e Garniſon hierher krägte. Unſer
Fremde kennte de Kaſſernegeruch nit vertrage! Die
Religion kämt zwar nit deßwege in G'fahr - awer
unſer Dienſchtmeedle. Un ſo weiter. Den Brunne
uff'm Heimarkt, der de ganze Summer dick in Schtroh
eingewicklt is, daß'r bei dere Hitz nit verfriert, den
ſchlage mer aach loos, wann ſich en Abnemmer dafor
find. Dann wolle mer an's Wiener Schitzefeſchtkomité
ſchreiwe, es meegt uns umgehend ſein Defizit in geeig-
neter Verpackung einſende, mir wollte emool ſehe, ob
mer's bei unſerer Heidlberger Raritäteverſchteegung
nit aach gleich an de "Wenigſchtnehmende" losſchlage
kennte. - Fort mit Schade! - Den Wiener Schitze-
Abzug haw ich mer iwerigens ſo zammegereimt:

Denn heutzutag muß überall
Das Defizit floriren;
Denn ohne dieſes kann man nie
Sich gütlich amüſiren.

Doch Wonne malet ſelig ſich
Rings auf der Wirthe Mienen,
Denn "heidenmäßig" Geld ließ ſich
Bei unſerm Feſt verdienen.

Denn ach der Durſt war fürchterlich,
Die Hitze unerträglich;
Wenn auch der "Stoff" in Strömen floß,
War er doch manchmal kläglich.

Jhr deutſchen Schützen lebet wohl!
Kommt glücklich zu den Euern!
Wir ſehn uns wieder, wenn dereinſt
Das nächſte Feſt wir feiern!

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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