Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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zuge wirſt Du wohl keine Erorberungen machen. Na
wird's bald? Ei, man wird ihm wohl auf fühlbare
Weiſe Gehorſam beibringen müſſen. Als Fürſt hat
er nur befehlen, nicht gehorchen gelernt; doch wenn er
nur erſt einmal den Stock des Profoßen geſchmeckt hat,
wird's ſchon beſſer gehen mit der Folgſamkeit!"
Bei dieſen Worten zitterte der Arme wie Espen-
laub an allen Gliedern.
"O nein, nein, Herr!" ſtammelte er. "Jch bitte!
Jch will ja -"
Eben trat der Oberinſpektor vor, der ſchon bei
den Worten des Direktors eingetreten war. Als Mi-
chael ihn erblickte, ſank er ohnmächtig nieder. Der
Direktor fuhr den ſehr bleich ausſehenden Norrmann
heftig an.
"Warum ſind ſie nicht hier, wie es ihre Funktion
iſt? Jſt Jhnen wohl zu ſchmerzlich, Jhren Er-Couſin
zu begrüßen?"
"Herr, ich verbitte mir alle Perſönlichkeiten!"
ſagte Curt mit eiſiger Ruhe und einer Stimme von
Erz. "Sie haben ein Recht, mir mein Ausbleiben zu
verweiſen, doch meine Empfindungen kümmern Sie
nicht."

zu decken gedachte. Dies Alles hatte er der Wahrheit
gemäß vor dem Richter ausgeſagt und ſein weiches ein-
ſchmeichelndes Weſen, ſein tiefer Schmerz hatten, ver-
eint mit ſeiner wirklich idealen Schönheit, ſelbſt die
Herzen dieſer trockenen Aktenmenſchen gerührt. Den-
noch wurde er nach dem Buchſtaben des Geſetzes, als
der Anmaßung falſcher Titel, Urkundenfälſchung und
des Betrugs ſchuldig erklärt und zu mehrjähriger Zucht-
hausſtrafe verurtheilt.
Welche Mühe hatte ſich Curt von Norrmann ge-
geben, den Unglücklichen vor dieſer gräßlichen Strafe
zu ſchützen und dahin zu wirken, daß er mind ſtens
nur zur Gefängnißhaft verurtheilt werde; allein es
war Alles vergeblich geweſen, denn an der Spitze des
Gerichtes ſtand der Präſident von Norrmann, der auf-
geſtachelt von der Majorin und aus Haß gegen Curt,
wegen deſſen ihm immer anſtößigen, freimüthigen Be-
nehmens und wegen ſeiner ſtandeswidrigen Verlobung
mit Johanna Moller, den armen Michael, wenn er es
gekonnt hätte, zum Tode verurtheilt haben würde. Und
welche Wohlthat wäre dies geweſen, gegen das Schick-
ſal, welches ihm jetzt bevorſtand!
So war denn Michael Michailowitſch an einem
Nachmittage von der Reſidenz nach dem einige Meile
davon entfernten S...... hinüber geführt und im Zucht-
hauſe abgeliefert worden. Der Direktor von Jerſowich
war in der Kanzlei zugegen, wohin man den Ankömm-
geführt hatte, und er empfing denſelben mit den Wor-
ten: "Nun Michlailowitſch, welch' eine Verwandlung
iſt mit Dir vorgegangen, ſeit wir uns zum letzten Male
ſahen! Ja, ja, Hochmuth kommt vor dem Fall! Jn-
deß hier iſt der Ort, wo jeglicher Hochmuth zum Falle
kommt und mir wollen dahin wirken, Dir den Deini-
gen um Gotteswillen auszutreiben, denn der Herr will
nicht den Tod des Sünders, doch wohl ſeine Beſtra-
fung. Zu dieſer gab er uns die Mittel an die Hand
und wir wollen ſie zu Ehre des Herrn gebrauchen!"
Der Unglückliche ſtand mit geſenktem Haupte und
die vollen, dunklen Locken fielen über ſein todtenſtarres
Geſicht; es war zweifelhaft, ob er die höhniſche An-
ſprache gehört hatte oder nicht. Der Hausvater Mol-
ler, ein derber, doch gutmüthiger Mann legte ihm die
Hand auf die Schulter.
"Na, nimm Dich zuſemmen mein Junge," ſagte
er. "Was man ſich eingebrockt hat, muß man auch
den Muth haben auszueſſen. Was nützt das Verzwei-
feln! Getragen muß es doch ſein!"
"Man bringe den Hausanzug für den Sträfling!"
rief der Direktor in dieſe gutmüthigen Worten mit
ſchneidendem Tone hinein. "Und wo iſt der Oberin-
ſpektor Curt von Norrmann? Warum entzieht er ſich
ſeiner Pflicht, hier zugegen zu ſein? Man hole ihn!"
Bei der Nennung des Oberinſpektors ging ein
krampfhaftes Zucken durch Michael's ganzen Körper
und ein teufliches Grinſen der Freude zeigte ſich in
den ſchlaffen Zügen Jerſowich's. Der Sträflingsanzug
aus grauer Jacke und Beinkleid beſtehend, wurde ge-
bracht und der Direktor rief dem Gefangenen zu:
"Nun entkleide Dich Deiner Hoheit! Jn dem An-

"Wohl kümmern ſie mich," entgegnete Jerſowich
zornig, "wenn ich mich deshalb mit dem widerſpänſti-
gen Kerl befaſſen muß. Seh'n Sie doch 'mal, ob er
Jhnen beſſer gehorcht als mir; ich konnte ihn nicht
zum Umkleiden bewegen."
Unterdeſſen hatten der anweſende Jnſpektor und
der Hausvater den Ohnmächtigen wieder zum Bewußt-
ſein gebracht. Norrmann trat zu ihm.
"Kleide Dich um, Michailowitſch!" ſagte dieſer mit
gebietendem, doch nicht hartem Ton.
"Ja, Herr!" entgegneter dieſer und ſeine Stimme
klang ſo weich und ſchmeicheln, daß ſogar die beiden
rauhen Männer eine Rührung überkam. Sie halfen
ihm, der mit ſeinen zitternden Händen wenig thun
konnte.

Nun ja, er braucht noch immer Kammerdiener!"
lachte der Direktor höhniſch. "Na, Hausvater, Sie
können ihn nur alle Morgen anziehen, den feinen Herrn!"
"Wird's ſchon lernen!" meinte Dieſer guthmüthig.
"Jſt nur noch ſo voll Schreck und Angſt. Wird wohl
ruhiger und gefaßter werden."
"Werd' ich mir auch ausbitten müſſen. Wiedener,
bringen Sie ihn hinüber in den Arbeitsſaal, daß er
heut noch die Arbeit lernt und morgen früh gleich daran
gehen kann."
Als er fortgehen wollte verbeugte ſich Michael.
"Die Verbeugungen kannſt Du Dir erſparen,"
ſagte Jerſowich verächtlich. "Wir ſind hier nicht im
Salon, ſondern im Zuchthauſe, und Du biſt ein Ge-
ſchöpf, das ſich durch Nichts bemerkbar machen darf,
ſelbſt nicht durch Höflichkeit."
Der Jnſpektor entfernte ſich mit dem Gefangenen
Draußen lehnte ſich dieſer an die Wand.
"O Herr Jnſpektor," bat er, "ich kann nicht wei-
ter! Haben Sie einen Augenblick Geduld mit mir!"
"Ja, Michailowitſch, aber faſſe Muth! Es hilft
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