Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 107
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0111
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
107

doch nun einmal nichts!" - Jndem kam auch Moller
heraus.

"Junge, Junge, nimm Dich zuſammen!" ſprach er
mit rauher Gemüthlichkeit: "Du ſiehſt, wo er hinaus
will der - Gönn ihm doch nicht dieſen Thriumph und
mache meinem armen Sohn den Schmerz nicht!"
"Würde er Schmerzen darüber empfinden?" fragte
Michael.

"Verzeihung!" ſtammelte Michael. Norrmann
winkte ihm begütigend und entfernte ſich. Jener wandte
ſich um zu Fahrenwald.
"Befreie mich von dem Brode!" bat er.
"Wie, Du willſt es fortgeben?" fragte der An-
dere erſtaunt. Weißt Du, daß wir heute nichts mehr
als dies zu eſſen kriegen?"
"Jch weiß es; doch ich bekomme ja noch die Suppe.
Nimm es mir doch ab!"
"Behalte wenigſtens die Hälfte oder iß ein paar
Biſſen davon!"
"Jch kann nicht, der Hals iſt mir wie zugeſchnürt!"
Mit dieſen Worten reichte Michael Jenem abermals
das Brod.
Furchtbar war die Nacht. Jn dem großen Schlaf-
ſaale ſchon um 7 Uhr mit vielen ſeiner Unglücksge-
fährten eingeſchloſſen, war er nicht allein gezwun-
gen, noch mehrere Stunden lang die entſetzlichſten Dinge
mit anzuhören, ſondern auch die roheſten Neckereien
zu ertragen. Sie verſpotteten ſeine Niedergeſchlagen-
heit, ſein vornehmes Weſen und meinten höhniſch: ſie
könnten ſich wohl denken, daß Se. Durchlaucht ſich hier
nicht gefielen, aber ſie wollten ihm etwas Spaß vor-
machen, vielleicht würden Dieſelben dadurch heiterer
werden. Fahrenwald, der ſich des Unglücklichen an-
nahm, wurde verhöhnt, ſie nahmen den Unglücklichen
in ihre Mitte, riſſen ihn mit ſich im Kreiſe herum
oder tanzten um ihn her. Da miſchte ſich Fahrenwald
darein.

"Welche Frage! Er, der mit einem Thiere Mit-
leid empfindet, er ſollte nicht leiden, wenn Du - wenn
Dir dergleichen geſchähe!"
"Jch will gut ſein, Väterchen," verſicherte Michael
ſchmeichelnd, "folgſam und muthig.
"Nun, das iſt gut, dann wirſt Du ihm Freude
machen!"
gelch eine entſetzliche Pein nun auch für Michailo-
witſch darin lag, all den Anordnugen und Einrich-
tungen für die Sträflinge ſich zu unterwerfen, that er
es doch ſchweigend und mit ängſtlicher Gewiſſenhaftig-
keit, ſo daß ihn ſchon am erſten Tage ſeine Mitgefan-
genen verhöhnten.
"Ah, der will ſich zum lieben Kind machen!" hieß
es allgemein.
Wie ſchrecklich war es im Arbeitsſaal, wo ſo viele
beſchäftigt waren! Faſt Allen ſtand das Verbrechen
auf der Stirn geſchrieben; und mit wie frechen Blicken
ſie ihn betrachteten! Doch er heftete ſeine ganze Auf-
merkſamkeit auf die zu erlernende Arbeit, die er auch
bald begriff, von der ihm aber nach den wenigen Stun-
den dieſes Nachmittags die Hände ſchrecklich ſchmerzten.
Um vier Uhr ging es nach dem Hofe, wo als letzte
Mahlzeit des Tages Brod und Bier vertheilt wurde
und wo alle Blicke auf ihm hafteten.
"Das iſt der Fürſt!" hörte er ſie mit höhniſchem
Lachen ſagen. "Ein feiner Junge! Ein zierliches
Herrchen!
Wie peinlich war das! Aber jetzt mußte er vor-
treten, um ſein Brod und Bier in Empfang zu neh-
men. Er that es und mit Schrecken blickte er auf das
große Stück Schwarzbrod, das er in ſeinen zarten Hän-
den hielt. Gleichſam Rath ſuchend, was er damit be-
ginnen ſollte, ſah er empor und faſt hätte er das Bier
verſchüttet und das Brod zu Boden fallen laſſen, denn
vor ihm ſtand der Oberinſpektor.
"Michailowitſch," ſagte Dieſer, "wenn Du lieber
eine Suppe magſt, ſo gieb das Bier zurück; Du kannſt
ſie um 6 Uhr erhalten."
Ohne zu bedenken, daß er das Bier dem verthei-
lenden Unterbeamten geben müſſe, reichte er in ſeiner
Verwirrung den Napf ſchweigend dem Oberinſpektor,
der ihm demſelben auch abnahm. Gleichzeitig hörte
er die anderen Gefangenen lachen:
"Der macht's gut! Dummer Teufel!" hieß es
von allen Seiten. Und ein junger, blonder Menſch,
im Arbeitsſaale ſein Nachbar, mit dem er ſchon be-
kannt war, flüſterte ihm zu: "Was thuſt Du? Das
iſt ja der Oberinſpektor!"
"Laſſ' ihn nur, Fahrenwald," ſagte Dieſer, der
es gehört hatte, "er iſt hier noch zu fremd."

"Jhr Lumpenhunde, rief er, "Jhr ſeid ſo ſchlecht
wie der Direktor!"
Wie? was?" tobten ſie. "Was ſagt der Kerl?"
"Ja, das ſage ich," ſchrie Fahrenwald ihnen ent-
gegen. "Quält Jhr nicht mit derſelben Luſt wie er
einen Unglücklichen? Uebt Jhr nicht dieſelbe Harther-
zigkeit wie er gegen die Bitten des Gequälten? Pfui,
ich dachte, ſo ſchlecht könne nur ein Mucker ſein!"
Alle waren ſtill geworden. Nach einer Pauſe ſagte
einer von ihnen, der bei Allem der Anführer war und
den ſie Kendelbacher nannten, ein großer, furchtbar
häßlicher, rothhaariger Kerl:
"Na, höre Du, wir ſollten Dir eigentlich das Fell
vollklopfen für Deinen ſchändlichen Vergleich, aber wir
wollen Dir beweiſen, daß wir nicht ſo ſchlecht ſind,
wie der verfluchte Jeſuit, und wollen Deinen Fürſten
zufrieden laſſen, da der Einfaltspinſel doch keinen Spaß
verſteht. Geruhen alſo Euer Durchlaucht wohl zu
ruhen!"
Hierüber brach der ganze Chor in ein ſchallendes
Gelächter aus. Jn demſelben Augenblick wurde aber
ſtark an die Thür geklopft und des Oberinſpektors
mächtige Stimme erſcholl draußen: "Ruhe da drin-
nen!"

Alle ſchwiegen erſchrocken und ſtanden ein Weil-
chen erſchrocken regungslos, dann ſchlich ein Jeder zu
ſeinem Lager. Kendelbacher brummte leiſe: "Den hat
auch der Satan überall!"
Bald lagen Alle im tiefſten Schlaf. Nur Michael
wachte mit ſeinem furchtbaren, zerſtörenden Schmerz.
loading ...