Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Heelheree lllshlntt.

r. 29.

Mittwoch, den 16. September 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnmirt in der Druckerei, Untereſtr.
und bet den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Jm Zuchthauſe.
Erzählung aus der Wirklichkeit von W. Wauer.

in einer ſo ſicheren, eleganten und einſchmeichelnden
Weiſe, daß Niemand dieſe kleine Dienſtleiſtungen hätte
ablehnen können. Noch ehe die Feierabendglocke er-
ſcholl, hatte er ſich zum Liebling der ganzen Familie
gemacht.

(Fortſetzung.)

Während man plaudernd daſaß, klopfte es leiſe
an die Thür und eine alte Gefangene trat herein. Sie
mochte wohl zwei und ſiehzig Jahr alt ſein, ging ſchon
ganz gebeugt und ihr Haar ſah ſchneeweiß unter der
Kappe hervor, welche, alle die Gefangenen tragen. Jhr
Geſicht zeigte das orientaliſche Gepräge, war blaß und
leidend. Sie verbeugte ſich zuerſt tief vor dem Ober-
inſpektor.

"O Dank! Dank für dieſe Sprache eines reinen
Weſens zu einem Verbrecher."
Eines Menſchen zum Menſchen!" ſagte Johanna.
So betrachten Sie ſich unter uns. Niemand verdammt
Sie hier, Niemand wirft den Stein auf Sie, Niemand
hält Sie für einen Verbrecher.
O Gott, wie ſoll ich Jhnen danken für dieſen
Troſt!" rief Michael freudig erſchüttert.
Durch Faſſung, Muth, Ergebenheit, Michailo-
witſch."

Gott grüß' Dich, Mutter Jacobi!" empfing ſie
dieſer.

Dann begrüßte ſie eben ſo demüthig den Haus-
vater und deſſen Frau.
"Was bringſt Du, Alte?" fragte Moller. "Gebt
ihr doch einen Stuhl!"
Michael reichte ihr den ſeinigen und ſein bittender
Blick fragte den Oberinſpektor, ob er nicht auch ſeine
Taſſe Kaffee ihr geben dürfe?"
"Nein, laß nur," ſagte dieſer, "das läßt ſich die
Mutter nicht nehmen."
"Jch bringe die Strümpfe, die ich hab' geſtrickt
Herr Hausvater!" begann die Alte. "Jch danke, ſchmucker
junger Herr!" ſetzte ſie zu Michael gewandt hinzu. "Ja,
ja, wenn man die Siebzig erreicht hat und krank iſt
dazu, dann wird einem das Gehen und Stehen nicht
mehr leicht."
"Wenn Du ſo krank biſt, warum gehſt Du dann
nicht in's Lazareth?" fragte Curt. "Dort haſt Du
ärztliche Hilfe und brauchſt nicht zu arbeiten."
"Nicht zu arbeiten! Gnädiger Herr, das iſt ja
eben das Schlimme! Kann ich doch nicht leben, ohne
Arbeit. Auch bin ich nur krank, wenn mich antritt
das Reißen in meinem alten Kopf; ſonſt hab' ich im-
mer guten Appetit und weil es gibt im Lazareth nur
halbe Portionen, ſo hungert mich da gar zu ſehr."
Die Mutter gab ihr Kaffee und Zwiebacke; die
Alte wollte ihr die Hände küſſen, die jene jedoch zurück-
zog.

"Jch will! Jch will!" ſtammelte er. Da rief
die Mutter: "Na kommt herunter von Eurem Thron,
hier ſiſt der Kaffee! Bleiben auch Sie!" ſetzte Sie
hinzu, als der Gefangene ſich entfernen wollte, "trin-
ken Sie eine Taſſe mit uns."
Unſchlüſſig, ängſtlich ſah der ſo Aufgeforderte den
Oberinſpektor an.
"Nun Michael," ſagte dieſer lächelnd, "Du wirſt
doch die Mutter Dir nicht zur Feindin machen? Ar-
beiten kannſt Du nicht, alſo bleib hier."
Auch der Vater kam herein und grüßte in ſeiner
derb gutmüthigen Art den Gaſt.
"Komm, mein Junge, ſetze Dich hier an meine
Seite. Mutter, ſchenk ihm ein, und da ſteht der Korb
mit den Zwiebacken, Michailowitſch; halte Dich d'ran,
ſonſt läßt Dir die junge Brut nicht viel zukommen.
Schon beim Kaffee erwarb ſich dieſer das Herz
des kleinen Johannes. Alle beobachteten ihn, wie er
t dem Knaben ſich ſo kindlich beſchäftigte, doch ließ
dies Niemand merken, um ihn nicht zu ſtören, denn
es ging ihnen mit ihm wie mit einem Nachtwandler,
den man zu wecken ſich hüten muß.
"Nun, Michael," begann Curt endlich, "ſprich ein
wenig mit uns; ſei nicht ſo ſtumm."
Michael ſprach jetzt hin und wieder ein Wort mit
und machte ſich inzwiſchen Allen nützlich. Dem Vater
zündete er die Pfeife an, für die Mutter nahm er die
Taſſen zuſammen und reichte ſie wieder herum, für
Curt liniirte er mehrere Seiten in einem Rechnungs-
buche; trotz ſeiner wunden Finger zeichnete er Johanna
in einige Taſchenbücher ihre Namenschiffre, hielt An-
tonien die Baumwolle zum Stricken und machte einige
Schulbücher für Guſtav. Alles geſchah ſtill und leiſe,

"Wollt' ich doch gern entbehren den Arzt!" fuhr
die Gefangene fort, "wenn ich nur könnt' haben ein
weiches Kiſſen unter dem Kopf. Jſt es doch gar zu
empfindlich, bei ſo ſchrecklichem Schmerz zu liegen auf
dem harten Stroh! Zwar hab' ich geſammelt ſeit
Jahren jedes Federchen auf den Höfen und doch iſt es
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