Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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chen Weibe Alles, ſelbſt die Ehre geopfert zu haben
Doch, Herr, es iſt ihre Verwandte, von der ich rede,
ich bedachte es nicht -"
"Sei ruhig! Dies verwandſchaftliche Band lag
nur im Blute, nie in den Seelen; jetzt iſt es zerriſſen
und ich bin glücklich, Dich ſo gefaßt zu finden. Sei
ein Mann und nimm mein Wort, ich helfe Dir zu
einem neuen Leben."
Er zog bei dieſen Worten den jungen Mann zu
ſich heran, der überwältigt an Normann's Bruſt ſank.
Er wollte ſich ſogleich wieder erheben, Curt aber drückte
ſein Haupt an ſich.
"Ruhe aus und und ſei ſtark!" ſagte Curt mit
Treuherzigkeit.
Noch vor Tiſch ſuchte er den Vater auf und er-
zählte ihm, was er mit Michael geſprochen Jhn dar-
auf aufmerkſam machend, daß der junge Mann keine
Ahnung von Antoniens Liebe habe und für ſie ſelber
eine ſolche durchaus nicht empfinde, bat er ihn, nicht
durch unfreundliches Benehmen gegen Michailowitſch
oder durch das Verbot, in Moller's Wohnung zu er-
ſcheinen, dieſe Angelegenheit zu verſchlimmern, da man
ſie hierdurch nur in die Leute Mäuler bringe. Mür-
riſch, ohne zu antworten, blickte der ſtarre Mann vor
ſich nieder.

wünſchte ſie mit krankhafter Glut und wagte es gleich-
wohl nicht, dies irgend Jemand zu geſtehen. Umſonſt
ſchaffte daher Normann die theuerſten Weine, Speiſen
und alle erdenklichen Stärkungsmittel herbei, die Kranke
genoß wenig davon und man war gezwungen, faſt Al-
les ſelber zu verzehren.
Eines Mittags kehrte ſo die Mntter mit ihrer
Taubenbrühe zurück, ohne daß die Tochter dieſelbe be-
rührt hatte. Sie ſetzte die Suppe ſchweigend auf den
Tiſch und bemühte ſich ihre Thränen zu verbergen.
"Mach' die Thür auf," ſagte Moller zu ihr.
Sie that es und er rief in die Kammer hinein:
"Du wirſt die Brühe eſſen, Antonie! Trag' ſie
ihr hinein, Johanna!"
Dieſe gehorchte kehrte aber zurück.
"Sie bittet Sie um Gotteswillen, lieber Vater
ihr die Suppe ſelber zu bringen!" ſagte ſie.
Finſter und unſchlüſſig blickte er vor ſich nieder;
Alle ſahen ihn ängſtlich an und die Mutter warf ſich
weinend an ſeine Bruſt. Sanft ſchob er ſie von ſich,
nahm den Teller und ging hinein zu der Tochter. Faſt
hätte er denſelben auf den Boden geworfen, als er
ſeine einſt ſo blühende Antonie ſo verändert ſah. Mol-
ler jedoch war nicht der Mann, ſich ſo leicht beſiegen
zu laſſen; er faßte ſich und trat an das Bett.
"Da bin ich; iß nun!"
Antonie ſtreckte bebend ihre Arme nach ihm aus.
Erſt iß!"
Moller ſetzte ſich zu ihr aufs Bett und hielt ihr
den Teller; da er jedoch ſah, wie ihre Hände zitterten,
daß ſie Alles verſchüttete, nahm er ſelber den Löffel
und fütterte ſie, bis ſie mit ſchwacher, leiſer Stimme
ſagte:
"Bitte, bitte! - Genug!"
Schweigend ſetzte er den Teller fort und nun
ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals. Er ſtreichelte
ihr den Kopf und ließ ſie ein Weilchen an ſeiner Bruſt
ruhen.

"Mit Jhrer Erlaubniß bring' ich alſo Michailo-
witſch heut wieder mit zu Tiſch," fuhr Norrmann
fort.

Hartnäckiges Schweigen.
"Sollten Sie dies nicht wollen, ſo ſpeiſe ich mit
ihm auf meinem Zimmer."
"Hm, nein, das laß nur!" entgegnete der Vater
höhniſch; "ſonſt wird mir die Andere auch noch ver-
rückt; meine Töchter ſcheinen Anlage dazu zu haben.
Jch werde dem Geſellen wohl ſehr um den Bart gehen
müſſen, damit die Dirne mir nicht abfährt."
Er ging und ließ Curt ſtehen.

"Nun laß mich gehen," ſagte er; um 2 Uhr, wenn
ich aus den Sälen komme, wollen wir ein Wort mit
einander reden.
Aengſtlich ſah ſie ihn an
"Nicht mehr zürnen, Vater!" bat ſie mit matter
Stimme.

Vierzehn Tage waren ſeit Antoniens Erkrankung
vergangen. Jetzt erſt hatte der Arzt die dringendſte
Gefahr als beſeitigt erklärt und die allerhöchſte Scho-
nung anbefohlen. Der Vater hatte die Tochter noch
gar nicht wieder geſehen; er ging umher gleich einer
wandelnden Gewitterwolke, die jeden Augenblick los-
donnern und blitzen kann, aber dem aufmerkſamen Be-
obachter konnte auch ein tief ſchmerzlicher Zug in ſei-
nem faltiger gewordenen Antlitz nicht entgehen. An-
tonie ſollte nun mit ſtärkenden Speiſen, Wein und
Dergleichen gekräftigt werden, allein man konnte ſie
nur ſelten dazu vermögen, etwas zu genießen. Sie
grämte ſich unausſprechlich, daß der Vater nicht ein-
mal kam, um nach ihr zu ſehen; ſie hatte ſich vorge-
nommen, nichts zu ihrer Geneſung beizutragen, denn,
von ihm verſtoßen wollte ſie nicht leben. Auch nach
Michael war ihre Sehnſucht übermächtig. Zwar, wußte
ſie, daß er wieder geſund ſei und Johanna brachte
ihr von ihm einen Gruß mit der Bitte, doch ja recht
bald zu geneſen; dies that ihr wohl, allein ihn zu ſehen

"Nein, ſei ruhig!"
Er ging. Um 2 Uhr kehrte er wieder und ſetzte
ſich zu ihr. Schmeichelnd ergriff ſie ſeine Hände, ſtrei-
chelte, küßte ſie und legte ihr mattes Köpfchen auf die-
ſelben. Eine Weile ließ er ſie gewähren.
"Ja, Kind," ſagte er, "das iſt Alles ganz gut;
doch ſage mir, was ſoll denn aus dieſer Geſchichte
werden? Willſt Du dieſer thörichten Liebe entſagen?"
"Jch kann nicht, ſelbſt im Tode nicht, Vater?"
"Na, das gefällt mir!" rief er zornig lachend.
Doch als er ihre Angſt ſah, nahm er ſich zuſammen
und fragte ruhiger: "Und was meinſt Du, daß nun
geſchehen ſoll?"
"Nichts! Nichts, Vater! Jch will ihn ja nur
ſehen, nur in ſeiner Nähe weilen. Er liebt mich ja
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