Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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lenkt Alles noch zum Guten!" - Faſt erſchrocken ſah
ſie ihn mit ihren jetzt ſo großen braunen Augen an.
"Wie wäre das möglich?" fragte ſie.
Bei Gott wäre nichts unmöglich!" entgegnete er
feierlich, und wenn wir uns auf ihn verlaſſen, ſo ver-
läßt er uns ſicherlich nicht."
Es pochte leiſe, man kannte dies Klopfen; das
war Michailowitſch. Antonie bebte und ſank in die
Kiſſen zurück. Michael war eingetreten.
"Antonie!" rief er heftig erſchüttert und überraſcht
von ihrer unerwarteten Anweſenheit. "O liebes Fräu-
lein, wie ſehr müſſen Sie gelitten haben!"
Zu ſprechen vermochte ſie nicht, doch reichte ſie
ihm ihre Hand, die er innig und tief bewegt an ſeine
Lippen drückte. Die Mutter brachte den Kaffee, ſie
küßte die Tochter zärtlich, dann kam auch der Vater
und man ſetzte ſich um den Tiſch.
Gieß auch Antonien etwas Kaffee ein," ſagte
Moller zur Mutter. Nicht wahr Kind, Du trinkſt ein
wenig?"

nicht und ſoll auch niemals erfahren, daß ich ihn ſo
über Alles geliebt habe. - Laſſen Sie mich noch eint
kurze Zeit ſeiner Gegenwart ungeſtört, ohne Argwohn
ohne Jhren Zorn genießen! Norrmann hat nm Be-
gnadigung für ihn geſchrieben, der Onkel meint, ſie
würde ihm jedenfalls gewährt, da der König das Ur-
theil gleich ſehr hart gefunden habe und ihn nur der
Präſident von Norrmann verhindert habe, die Strafe,
wie es Curt erbeten, in Feſtungshaft zu verwandeln.
Wenn Michailowitſch frei iſt, ſo geht er fort und ich
ſterbe bald, dann iſt Jhre Ehre gerettet, Vater."
"Meine Ehre gerettet und mein Herz gebrochen!"
rief Moller im Ausbruch ſeines Schmerzes. "Ja, ſtirk
nur, ſtirb für den Sträfling; was kümmert Dich Dein
alter Vater und ſein gebrochenes Herz!"
Antonie verhüllte das Antlitz in ihre Decke, dann
aber ſchlang ſie die Arme um den Vater und ſprach
in unendlich weichem und klagendem Tone:
"Jch möchte, ach, wie gern leben; ich bin ja noch
ſo jung und hatte mir das Leben ſo ſchön gedacht!
Jch werde auch leben, ſo lange er bei mir iſt, wenn
ich ihn auch nicht beſitzen kann, nur ihn ſehen, ihn
hören, mich in ſeiner Nähe wiſſen. Jch kann nicht da-
für, Vater, daß ich ſterben muß, wenn er geht; mein
Leben iſt an ihn gekettet, es flieht mit ihm!"
Voll Schmerz und Zorn wollte er auffahren, allein
er faßte ſich und ſagte ruhiger, doch nicht ohae Bitter-
keit: "Nun, rege Dich nicht auf und erhalte Dich mir
mindeſtens noch ſo lange, bis er Dein Leben mit ſich
nimmt. Jch will nichts gegen Dich thun, und auch
keinen Argwohn gegen Euch hegen, ſondern mich auf
Dein Wort und Deine Ehre verlaſſen."
"Dank, o Dank!"
Moller wollte gehn, ſie rief ihn zurück.
"Ach, küſſen Sie mich doch nur einmal, Vater!"
bat ſie, und er thut es. An ſeiner Bruſt ruhend ſprach
ſie ſchmeichelnd: "Jch möchte ſo gern im Wohnzim-
mer in wenig auf dem Sopha liegen."
"Warum?"
"Nun, es iſt doch eine Veränderung!"
Antonie! Du lügſt!"
"Vergebung, Vater! Ja, ich ſprach nicht die
Wahrheit! ach, ich möchte ihn ſo gern einmal wieder
ſehen!" ſtotterte ſie voll Angſt und Verlegenheit.
"Nun, ſei ruhig! Jch habe Dir neulich zuviel ge-
than und muß Dir nun ſchon etwas hingehen laſſen.
Jch ſchicke Johannen, ſie mag Dich einhüllen und Norr-
mann ſoll Dich dann hinein tragen zur Kaffeezeit."
Als der Schwager kam und ſie in's Wohnzimmer
trug, war nur Johanna in demſelben. Wie er die
Kranke nun ſo ſorgſam und bequem zu betten bemüht
var, ſah ihn dieſelbe gerührt an.
"Wie unrecht that ich Dir, als ich Dich zu ſtrenge
and!" bat ſie. "Vergieb es mir, mein theurer, edler
Bruder! Was haſt Du nicht Alles jetzt für mich ge-
han!"

"Wenn Sie ihn mir reichen wollen, lieber Vater!
entgegnete ſie lächelnd.
Nein Kind, ich bin müde und abgehetzt; Michai-
lowitſch, gieb ihr die Taſſe und einen Zwieback. Na,
was iſt denn das für ein Geklapper? Seid ſo gut
und werft die Taſſe weg! Eins iſt ſo ungeſchickt wie
das Andere."
"Das war ich, Väterchen!" ſagte Michael ſchmei-
chelnd. "Die Obertaſſe glitt etwas auf die Seite.
Wie er lügen konnte! Sie war es geweſen, weil
ihre Hand vor Freude und Verlegenheit noch mehr als
vor Schwäche zitterte.
Da der Vater ihr nun vergeben und ſogar jetzt
liebevoller als je zu ihr war, da die Worte Curt's
eine, wenn auch ganz unbeſtimmte Hoffung in ihrem
Herzen erregt hatten, ſo that Antonie jetzt Alles, was
der Arzt zu ihrer Kräftigung und Stärkung verordnete.
Doch dieſe beruhigenden Empfindungen ſelbſt wirkten
ſchon unendlich wohlthuend zur Wiederherſtellung ihrer
Geſundheit. Freilich konnten, wie der Arzt geſagt, wohl
noch Jahre vergehen, bevor ſie ganz geneſen ſein würde,
allein es war doch ſchon ſo viel gewonnen, daß nur
überhaupt eine Hoffnung auf ihre Geneſung vorhanden
ſein konnte. Jetzt freute man ſich ſchon, daß ſie es
vermochte, von Mittag bis zum Schlafengehen in der
Wohnung auf dem Sopha zu liegen. Hiezu kräftigte
ſie die Liebe, denn zu Mittag, zum Kaffee, zum Abend-
eſſen kam ja der Geliebte, und der Abend, der ſchöne
Abend, wo er drei Stuuden lang in ihrer Nähe weilte.
Und hier entwickelte ſich nun ein eigenthümlich zartes
und anmuthiges Verhältniß zwiſchen den jungen Leuten.
(Fortſetzung folgt.)

"Wenig Kind, wenig!" erwiderte er. "Doch habe
Vertrauen zu mir und meinem Willen. Gräme Dich
nicht; ängſtige Dich nicht und denke nur immer: Curt
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