Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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"Sei ruhig, Antonie," ſagte Moller zu ihr hin-
eingehend. "Sie werden mir nichts thun, denn ſie ha-
ben mich lieb; und wenn es auch wäre; Jeder muß
ſeine Pflicht mit ſeinem Leben beſiegeln können. Oder
ſoll ich etwa Euch zu Liebe meine Ehre auſ's Spiel
ſetzen?"

ſen Willen gerade in das Gegentheil um. Er ging
raſch davon und Michael hinauf zu den Frauen.
Als der Hausvater einen der Aufſeher hinauf ge-
ſandt, um den Pechkorb anzuzünden, trat er dem eben
heranſtürmenden Trupp der Sträflinge entgegen.
"Was macht Jhr für Streiche, Kinder? redete
er ſie an. "Was beginnt Jhr? Was denkt Jhr durch
dieſes tolle Treiben auszurichten?"
"Den Director!" ſchrien ſie. "Wir wollen ihn
haben! Er ſoll ſterben, der Menſchenſchinder!"
"Und was nützt Euch dies, Jhr Thoren? Sein
Tod würde an Ench gerächt und Jhr habt keinen Vor-
theil davon.

"Nein, ieber Vater," entgegnete ſie ſeine Hand
küſſend. Doch das Gewiſſen ſchlug ſie, daß ſie ſein
Vertrauen getänicht, indem ſie Michael heut' ihre Liebe
geſtanden. Wenn der Vater in dieſer Nacht um's
Leben käme, ehne daß ſie ihm ihre Schuld geſtanden,
ſie hätte nie mehr ruhig werden können. Als er da-
ber gehen wollte, hielt ſie ſeine Hand feſt. "Laſſen
Sie mich Jhnen erſt ein Geſtändniß ablegen!" bat ſie
inſtändig.
"Kind, ich habe keine Zeit, Dein Geſtändniß an-
zuhören!" verſetzte Moller, und mit bewegter Stimme
fügte er hinzu: "Haſt Du ein Unrecht auf Deinem
Herzen und ſierb' ich in dieſer Nacht, ſo denke, Dein
Vater babe Dir Alles verziehen!"
"Er küßte ſie zärtlich, umarmte ſeine Gattin und
ging. Auf der Treppe begegnete ihm Michael, der ſich
von llem, was vorging, überzeugt hatte, und berichtete
dem Hausvater, wie Alles ſtehe. Ein Theil der Sträſ-
linge bewachte das Hauptther, damit Niemand hinaus,
oder herein könne, die Andern zogen in den Gebauden
umher und ſuchten den Direktor. Die im Hauſe be-
findlichen Beamten, Wachen und Aufſeher waren zum
Theil entwaffnet, zum Theil entflohen, zum Theil aber
ſtellten ſie ſich den Andringenden überall muthig ent-
gegen, wurden jedech von der großen Uebermacht der
Aufrührer ſtets zurückgetrieben; mehrere waren bereits
verwundet. Michailowitſch berichtete auch von der
Furcht und dem jetzigen Aufenthalte des Direktors,
ſowie, daß er geſagt, Moller und der Jnſpektor Wied-
ner ſollten entſcheiden, was geſchehen ſolle.
"Der feige Lu!" rief der Hausvater verächt-
lich. "Nun, ſo müſſen wir denn handeln! Eile hin-
aus, Michael, hier iſt ein Schlüſſel, er ſchließt zu der
Kammer auf der öſtlichſten Seite des Bodens, dort
findeſt Du Pechkörbe: zünde einen derſelben an und
häng' ihn an der Vorrichtung, welche Du finden wirſt,
zum Fenſter hinaus. Es iſt das Zeichen für die Fe-
ſtung, uns Hilfe zu ſenden. Eile, was zanderſt Du?"
"Väterchen," bat Michael dringend, "laſſen Sie
das nicht nich trun! Es ſind meine Unglücksge-
fährten! Soll ich die Urſach ihres noch tieferen Elen-
des oder gar ihres Todes ſein?"
"Ja o! ſagte der Hausvater bitter. "Du biſt ein
Sträſling; ich einte, Tu hielteſt Dich ſchon für mei-
nen Sohn."
"Herr! Herr!" rief Jener erſchüttert
"Keine unnützen Worte! Geh zu den Frauen,
damit nicht die eine ven ihnen vor Angſt um Dich
ſtirdt. - Das ſind die Freuden, die ein Vater an ſei-
nen Kindern erlebt!"
"erzeihung! Ach Verzeihung!"
"Geh!" gebot der Vater, und ſein Ton ſollte nach
einem Willen recht hart ſein, ſchlug aber wider die-

Ein Lump, der immer nur an ſich denkt!" rief
Kendelbacher. "Was liegt an uns und unſrem ver-
hunztem Leben? Aber er ſoll auch Andre nicht mehr
quälen und nichts Böſes mehr in Gottes Namen thun!"
"Fort! Laßt uns ihn ſuchen!" brüllten die An-
deren. "Weg mit dem Schwätzer! - Stoßt ihn bei
Seite! - Schlagt ihn zu Boden!"
"Wag' es Einer!" ſchrie Kendelbacher. "Dem
dividire ich fünfe in die Zähne, daß er wahrhaftig
nicht denken ſoll, ſie gingen zweimal hinein! Der
Hausvater war immer gut gegen uns und er iſt der
Schwiegervater des Oberinſpektors; ein doppelter Grund
ihn zu ſchonen. Niemand berühre ihn!"
"So geh' er aus dem Wege!"
Moller mußte weichen. Was konnte ſein Wider-
ſtand nützen? Er ließ ſie ziehen und begab ſich nach
der kleinen, geheimen Pforte, welche Niemand kannte
als die Beamten und die für dergleichen Nothfälle ein-
gerichtet war, um Militär herein führen zu können,
wenn das Hauptthor ſich in den Händen der Gefange-
nen befand. Er hatte einen der Auſſeher mitgenom-
men und ſandte dieſen nach dem Wege der Feſtung,
um die Soldaten ſogleich zu dieſem Eingange zu führen.
Jndeß zo,en die Aufrührer immer weiter. Sie
kamen auch hinauf, wo des Oberinſpektors und des
Hausvaters Wohnungen ſich befanden. Hier trat ihnen
Michailowitſch entgegen.
Was wollt Jhr hier?" fragte er fie ſanft. "Hier
findet Jhr nur zwei Kinder und zwei Frauen, von de-
nen die eine krank und durch Euern Auſſtand bis zum
Tod erſchreckt iſt. Und dert wollt Jhr den Herrn
Oberinſpektor ſo erzürnen, in ſeine Wohnung einzu-
dringen? Thut es nicht! Er hat Euch ſtets beſchützt,
war immer gütig gegen Euch; für wie undankbar müßt'
er Euch halten!"
"Na, ſei ruhig, wir wollen weder hier noch dort
hinein!" ſagte Kendelbacher. "An keinem von beiden
Orten wird ja auch der Hund ſich verſteckt halten.
Doch finden müſſen wir ihn. Haſt Du keine Ahnung,
Michailowitſch, wo er ſein kann?"
Wie ſollt' ich?" entgegnete dieſer mit ziemlich
unſicherer Stimme.
"Du warſt nicht im Schlafſaale, wo warſt Du?"
"Jch war eingeſchlafen in des Oberinſpektors Woh-
nung und erwachte erſt über dem Lärmen; dann ver-
ſchloß ich dieſeibe und ging hinab.
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