Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Sie ſelbſt noch in dieſem Hauſe nter den Stock des
Profoßen kommen, den Sie ſo heeſach in Bewegnig
geſetzt haben."
"Ach Gott, meis Jeſus, hilf ir!" ſammelte der
Direktor. Er warf ſich vor Noeeann nieder. "Jch
flehe Sie an, verderben Sie mich ichr! Sie ſollen
Alles beſtimmen; ich wit gar keine Macht mehr haben,
will mich ganz Jhrem Willen fügen; machen Sie mich
nur nicht unglücklich! Schonen Sie mich!
Nein," ſagte der Oberinſpektor, ohne ihn aufſtehen
zu heißen, "es widerſtrebt meinem Gewiſſen, einen
Böſewicht, wie Sie länger zu ſchonen-
Dennoch bewog Noermann die hündiſche Demuth,
welche Jerſowich zeigte, ſeine entſetzliche Angſt und ſein
flehentliches Bitten, mehr aus Ekel als aus Mitleid,
ihm Bedingungen zu ſtellen.
"Gut," ſagte er, "Sie geh'n jetzt mit mir zu Mi-
chailowütſch, verkünden ihm ſeine Beznadigung und
bitten ihn, wegen der ihm zugefügten Kränkungen in
Gegenwart der Sträftinge um Verzeihung. Ferner
werd' ich Jhnen ein Brief an die Regierung aufſetzen,
in welchem Sie um wilde Urtheile für die Aufſtändi-
ſchen bitten und Sie geſtehen, dieſen Aufſtand durch
zu große Härte hervorgeruſen zu haben, auch ſür die
Zukunft ein milderes Verfahren verſprechen. Endlich
überlaſſen Sie mir die ſämmtlichen hier jetzt nöthigen
Anordnungen und enthalten ſich jeder eigenmächtigen
Beſtimmung von Strafen. Wollen Sie?"
"Ja, ja, ich will ja Alles! Verderben Sie mich
nur nicht!"

Kanzlei führte und ihm alles Vorgefallene berichtete.
Norrmann zeigte ſich tief erſchüttert, einen Augenblick
war er keines Wortes mächtig.
"Abſcheulich!" rief er endlich. "Mir das zu
thun! Jch erſchrecke vor den Strafurtheilen, die un-
ausbleiblich ſind! - Und Michael?" fragte er plötzlich.
"Wo iſt er, warum kommt er nicht, mich zu begrüßen?"
Moller theilte ihm die Vorgänge zwiſchen dem Di-
rektor und Michael mit, auch daß dieſer noch danieder
liege, daß er ſich jedoch heut ſchon wieder völlig bei
Bewußtſein befinde, und wohl in einigen Tagen das
Lazareth werde verlaſſen können.
"Das Lazareth!" rief Norrmann erſtaunt und er-
zürnt. "Und warum liegt er im Lazareth? Warum
nicht in meiner Wohnung? Vater, Sie wiſſen, wie
ſehr ich ihn liebe!"
"Curt, Du redeſt ſonderbar!" ſagte Moller. "Wie
würde der Direktor erlauben, einen Gefangenen ..."
"Gefangenen?" unterbrach ihn der Oberinſpektor.
"Michael iſt kein Gefangener mehr. Seit dem Tage
meiner Abreiſe wurde mir verſichert, ſei die Begnadi-
gung und Anordnung ſofortiger Freilaſſung in den
Händen des Direktors."
"Jedenſalls iſt dieſelbe nicht ausgeführt worden,"
derſetzte Melier, "denn Michailowitſch iſt bis jetzt noch
icht entlaſſen."
Ohne en Wort ſtürmte Curt in die Wohnung
des Direktors. Dieſer erſchrack als er des Obexin-
tors rieſige Geſtalt ſo plötzlich und mit ſo drohender,
zorniger Geberde in ſein Zimmer treten ſah. Norr-
mann aber ließ ihn gar nicht zur Rede kommen.
"Seit drei Tagen befindet ſich die Begnadigung
des Michael Michailowitſch in Jhren Händen, warum
iſt er nicht entlaſſen?" rief er heftig.
"Die Ereigniſſe!" ſtotterte Jerſowich. "Ach! Wiſ-
ſen Sie denn? - Kennen Sie die Ereigniſſe?"
"Leider kenne ich die durch Jhre Grauſamkeit her-
beigeführten Ereignſſe! Doch Sie hatten einen gan-
zen Tag vorher den Befehl der ſofortigen Entlaſſung
des Michatlowitſch in Händen ... keine Entſchuldigung!
Sie ſind ein elender, verbrecheriſcherer Wicht und meine
Geduld mit Jhnn iſt am Cnde! Jch werde Sie da-
hin oringen, wohin Sie gehören."
"ch! Mein Gott, Sie werden mich doch nicht
unglücklich machen um ſolcher Kleinigkeit willen?"
"Kleinigkeit? Jſt es eine Kleinigkeit, daß Sie
den Armen, nachdem Sie ihn, wo Sie nur gekonnt,
gepeinigt haben, meuchleriſch um's Leben bringen woll-
fen? Jſt es eine Kleinigkeit, daß Sie die Gefangenen
bis zum Wahnſinn reizen durch Jhre Grauſamkeit?
Daß Sie die gefangenen jungen Weiber zu Jhren Lü-
ſten mißbrauchen und ſie, wenn davon geſprochen wird,
bis aufs Blut peitſchen laſſen? Jſt es eine Kleinig-
keit, daß Sie die Regierung beſtehlen und betrügen,
Sie frommer Mann?"
Jerſowich war keines Wortes mächtig, ſein ganzer
Körper ſchlotterte vor Angſt, ſein Antlitz war leichen-
fahl.

(Fortſetzung folgt.)

Die Deitzin un die Kannegießern.

Deitzin: No, Kannegießern, wie is Se dann
zufriede, mit d'r neie Mammſell, die Se uff die Micheeli
kricht hott?

"Es kann ſich ereignen," fuhr Norrmann ſort, "daß
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