Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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eikellerger Foibblatt.
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Nr. 38.

Samſtag, den 17. Oktober 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich D kr. Einzelne Nummer à 2kr. Man abonnrt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Jm Zuchthauſe.
Erzählung aus der Wirklichkeit von W. Wauer

ſchönen Ueberzügen verſehenen Bett. Ein unendliches
Wohlgefüh bemächtigte ſich ſeiner. Wie lange hatte
er ſchon in teinem Bett mehr gelegen, und dazu hatte
ihn Curt vorher in ſeine blendend weiße Wäſche klei-
den laſſen. Michael weinte. Damit es Norrmann
ncht bemerkte, verhüllte er ſein Geſicht in das Deck-
beit und war in wenigen Minuten überwältigt von
ſeiner Schwäche, eiingeſchlaſen. Der Oberinſpektor
ſchioß vorſichtig die Thür ſeiner Wohnung und ging
hinüber in die ſeines Schwiegervaters. Dieſer war
nicht zugegen,ohanna in der Küche bei der Mutter,
die das Mtttageſſen bſrge, r ging alſo zu Antonie
hinein und ſetzte ſich zu ihr an's Bett.
"Mein ares Kind," ſagte er, ſanft mit der Hand
über ihr bleiches Antlitz ſtreichend und ihre Stirn küſ-
ſend, "wie biſt Du wieder blaß und ſchwach!"
Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals.
"Ach!" rief ſie mit ſchwacher Stimme. "Jch möchte
Dir ſo gern beichten, wenn Du mir dann nur nicht
zürnen wollteſt!"
"Schelm, Du machſt Dir Bedingungen!" drohte
Curt lächelnd. "Darauf geh' ich nicht ein, ergieb Dich
auf Gnade und Ungnade."
"Ach ich will es ja! Du biſt ſo mild und gütig,
Du wirſt nicht zürnen! Ach Curt, wenn Du uns nicht
hilfſt, ſo ſind wir augenblicklich und ganz verloren!"
"Uns?" fragte er ernſt. "Wer ſind wir?"
"Michael und ich, lieber, lieber Curt! Sieh mich
nicht ſo ſchrecklich ernſt an! Zürne nicht, beſonders
ihm nicht, der ganz unſchuldig iſt und dennoch Deinen
Zorn ſo ſehr fürchtet! Jch, ich habe ihm meine Liebe
verrathen und das Vertrauen des Vaters getäuſcht!
Ach, wenn Jhr mich nun von Michael trennt, ſo muß
ich ſterben, und ich möchte doch noch ſo gern mit Euch,
mit ihm leben!"
"Kind, rege Dich nicht auf!" ermahnte Norrmann
ernſt, doch mild. "Du haſt ſehr unvorſichtig gehandelt,
allein es iſt nun einmal geſchehen, hab' alſo Muth
und vertraue auf mich! Hoffe, daß noch Alles gut
werde."

(Fortſetzung.)
"So kommen Sie!"
Der Oberinſpektor ſchritt voran, wie er dies ſonſt
nie gethan, denn immer, ſo tief auch ſeine Verach ung
gegen den Direktor ſein mochte, hatte er ſtreng darauf
gehaiten, die äußere Ehrerbietung für denſelben nicht
zu verletzen. Jetzt aber, zu ſehr gereizt, vergaß er
ede Rückſicht und ging mit ſchnellen, feſten Schritten
hm voran nach dem Lazareth, wohin iyn die Sehn-
ſucht nach ſeinem Liebling zog.
Dieſer ſtreckte ihm freudig die Hände entgegen
"Ach, ſind fie wieder hier, mein lieber, lieber
Herr!" rief er überglücklich. "O dann iſt ja Alles
wieder gut!"
Eie Bewegung der Freude gab ſich bei allen
Kranken kund. urt ergriff die beiden zierlichen Hände
und nahm ſie zwiſchen die ſeinen.
Mein armer Freund," ſagte er in mitleidigem
liebevollem Tone, "man hat Dir übel mitgeſpielt, wäh-
rend ich nicht bei Dir war. Doch nun hat's ein
Ende mit dieſer Leiden; Du biſt frei!"
"Frei!" ſchrie Michael freudig auf und fuhr em-
por. Plötzlich aber gedachte er der nun vielleicht bal-
digen Trennung von all ſeinen Lieben und mit einem
ſchmerzlichen Stöhnen ſank er wieder zurück.
"Der Herr Direktor wünſcht mit Dir zu ſprechen,"
fuhr Norrmann fort, um Jerſowich an ſeine Pflicht zu
mahnen. Da dieſer aber ſo ſtand, daß der Krank
ihn nicht ſehen konnte, ſo bat derſelbe dringend:
"O Herr, wenn ich frei bin, ſo halten Sie ihn
mir fern! Jch bitte, verſchonen Sie mich mit ſeinem
Anblick!"
"Nun," verſetzte Curt, "er wollte Dich nur um
Verzeihung bitten für Alles, was er Dir Böſes ge-
than."

"Jch erlaſſ' es ihm," entgegnete Michael. "Gern
will ich ihm alle Leiden vergeben, die er mir bereitet;
nur ſehen laſſen Sie mich ihn nicht mehr!
Der Oberinſpektor wandte ſich izu dem Direktor.
"Sie hören ſeine Worte!" ſprach er mit einer gebieten-
den Handbewegung.
Jerſowich entfernte ſich eilig.
Nach einer halben Stunde lag Michael in der
Wohnung des Oberinſpektors in einem weichen, mit

"Und Du willſt ihm nicht zürnen?" fragte ſie,
ſeine bärtige Wange ſtreichelnd.
"Wie könnt' ich, wenn Du ſo für ihn bitteſt!"
entgegnete er lächelnd.
"Wie edel, wie gut Du biſt!"
Johanna kam herein; ſie ſetzte ſich auf das Bett
der Schweſter. "Sieh nur, Curt," ſprach ſie zu Norr-
mann, "wie ſie wieder bleich iſt und krank, die Arme!"
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