Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Seite: 158
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der Liebe verglüht iſt, ſich vielleicht erend fühlen wird
in den Armen eines -
"Sollt' es ſich an der Bruſt des Freundes nicht
beſſer ruhn?" fragte Curt, ihn an ſich ziehend. "Du
ſiehſt zu ſchwarz, Michael. Noch iſt ja die Zeit, von
der Du ſprichſt kaum zur Vergangenheit geworden, wie
ſoll ſie ſchon vergeſſen ſein? Hab Geduld! Jch fühle
mit Dir, allein hoffe; laß Dich nicht von dieſen Ge-
danken ſo ſehr erregen und verſtören. Der Vater liebt
Dich und glaube mir, Dir noch am liebſten gibt er das
Kind ſeines Herzens, wenngleich ihm der Gedanke, ſie
überhaupt fortzugeben, jetzt noch ziemlich unbequem
iſt. Doch hab Nachſicht mit dem Herzen eines Vaters,
der plötzlich alle ſeine theuerſten Rechte eine Anderen
abtreten ſoll."
Norrmann führte hierauf den lebhaften Geiſt Step-
panoff's auf ganz andere Gedankenwege, und als ſie
ſich zur Ruhe begaben, war Michael wieder gänz heiter
und beruhigt.
Am anderen Morgen, als der Vater und der Ober-
inſpektor bei den Geſangenen waren, ſchlüpfte Michäel
zu Antonie. Er fand ſie in der Söphaecke ſitzend, eilte
auf ſie zu und küßte ihre Hände, die ſie ihm frendig
entgegenſtreckte.
Wie gut Dubiſt!" ſprach ſie bewegt. "So häſt
Du mir verziehen
Still! Stl" bat er ünd legte ſeine Finger äuf
ihren Mund. "Nichts mehr davon! Wir ſind thöricht
uns das ſchöne Leben durch Kindereien zu verbittern!"
Wähxend ſie plauderten, hörten ſie den Vater. Mi-
chael wollte forteilen.
"Bleib!" rief Antone
Moller trat ein; ſein Geſicht perfinſterte ſich, als
er Antonie außer dem Bett und Steppanoff ſchon hier
fand.

beſtellt hatte, welcher nebſt den Vater und Michael den
Aſſeſſor bis zu einer auf dem halbe Wege liegenden
kleinen Stadt begleiten wollte, von wo derſelbe mit an-
derer Gelegenheit bis zur Reſidenz weiter fahren konnte.
Onkelchen, darf ich nicht mitfahren?" ſchmeichelte
Helene, während Johanna daſſelbe dachte, jedoch nichts
zu ſagen wagte.
"Soll ſie mit?" fragte Moller lächelnd den Aſſeſſor
und dieſer lnd auch Johanna und Michael ein, die freu-
dig einwilligten.
Als man Antonien Adieu ſagen wollte, ſtellte dieſe
ſich ſchlafend und der Vater ſprach mit ſtrengem Ton:
"Laßt ſie! Hoffentlich wird ſie, wenn wir zurück-
kommen, ihre unartige Laune ausgeſchlafen haben. Jch
werde ſie dann Höflichkeit lehren."
Alle gingen; der Vater aber gab vor, ſeine Pfeife
vergeſſen zu haben und kehrte noch einmal in das Wohn-
zimmer zurück. Als er daſſelbe wieder verlaſſen wollte,
rief Antonie:
"Lieber Vater!"
"Schlaf nur," ſagte er, "wir ſprechen uns ſpäter!"
"Nein jetzt, lieber, lieber Vater! O kommen Sie
doch zu mir!"
"Was willſt Du?" fragte er zu ihr tretend.
"Einen Kuß Vater!"
"Weiter nichts?"
"Lieber Vater, es ſchmerzt mich, daß Sie mir zür-
nen. Jch kann Sie ſo nicht von mir laſſen. Sein Sie
gut, einziges Väterchen!"
Wie zufällig hätte er ſich nieder gebeugt und ſie
ergriff die Gelegenheit, ihre Arme um ſeinen Hals zu
ſchlingen und ihre Lippen auf ſeine Wange zu preſſen.
Jn dieſem Augenblick trat Michael, den die Unruhe
zurücktrieb, weil der Vater ſo lange ausblieb, in's Zim-
mer. - "Was willſt Du? Geh Deiner Wege!" fuhr
ihn Moller an.
Schweigend verbarg ſich Jener und trat zurück. An-
tonie erbebte.

"Hm!" ſagte er. "Jch dächte, dieſe Zeit wäre zum
Arbeiten am gerignetſten, Herr Michael. Und Sie,
Mamſell, ſollte nöch im Bette ſein! Jndeß neinet-
wegen!"
So darf ich npch hier bleiben?" fragte Steppanoff.
"Ja, doch nicht zu lange; die Tageszeit iſt zur
Arbeit, nicht zur Tändelei."
Als en fort war, führte Michael die ſehr ſchwache
Antonie im Zimmer auf und nieder. Wie glücklich wa-
ren Beide, ſo nah verbunden, Arm in Arm. Wie ſtolz
machte ihn das Gefühl, ihr eine Stütze ſein zu können!
Am Mittage bei Tiſch war Helene nbeſonnen ge-
nug, eine Aeußerung über Michael's Verhätniß zu
thun, welche Moller das Blut in die Stirn trieb. Norr-
mann nahm ſich vor, das Eis zu brechen; er bat den
erſteren, ihm nach Tiſche einige Minuten Gehör zu
ſchenken unter vier Augen. Bald darauf ſtanden die
beiden Männer ſich im Vorderzimmer gegenüher, der
Vater finſter wie eine Wetterwolke, Norrman in fei-
ner ſtolzen, eiſernen Nuhe.
"Sie wieſen vorhin Helenens Erwähnung des Ver-
hältniſſes zwiſchen Michael und Antonie ſo ſtreng zu-
rück!" begann Norrmann
"Welch ein Verhältniß?" unterbrach ihi Moller

Aengſtige Dich nicht um Deine Marzipan-Puppe,"
ſagte der Vater verdrießlich, "davon ſchmilzt ſie nicht.
Hat wohl noch Andres anhören mäſſen. - Adieu!"
Er küßte ſie und ging. Michael hatte die Worte
des Vaters gelört. Mit tiefem Scherz empfand et
es, daß ihm die Zeit der Schmach nie vergeſſen wer-
den könne, daß ſie ihn durch ſein ganzes Leben verfol-
gen müſſe, und wer weiß, ob nicht Antonie, wenn die
erſte Gluth ihrer Liebe ſich gekühlt, ünter dem Drucke
dieſer ſchimpflichen Vergangenheit tief leiden werde. Er
war ſehr ſtill während der Fahrt und klagte auf Be-
fragen über heftiges Kopfweh.
Am Abend ſand Curt ihn qner über das Bett ge-
worfen, im tieſſten Schmerz und heftigſten Fieber. Erſt
als Curt heftig in ihn drang, geſtand Michael die Ur-
ſache ſeines Zuſtandes.
"Curt," ſetzte er hinzu, indem er die heiße Stirn
an den Bettrand lehnte, "ich ſühle, daß die Zeit der
Schmach mir nie vergeſſen wird, daß der Vater mir
nur mit Widerſtreben ſein liebſtes Kind geben kann.
Jch fühle, daß Antonie, ſelbſt, wenn das erſte Feuer
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