Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 160
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0164
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
160

Dir Weffzemaier.

Doch was ſie fleht, ſie ſpricht's zu kauben Ohren,
Sie bleiben kalt, geſalbt und hochgeboren!
So irrt ſie fort, das edle deutſche Weib,
Gebrochen ſchon an Sesle und an Leib.
Am Himmel thürmt ſich Wolke auf um Wolke,
Kein heller Stern ſtrahlt über ihrem Volke.

Jhv Arm iſt ſchlaff und ſeine Kraft zerſplittert,
Vor dem die halbe Erde nicht gezittert!
Wie ſchmerzlich fühlt ſio ihre nakte Blöſe,
Und was man ihr geraubet - ihre Größe! -
So flüchtet ſie - - ein alter Eichenbaum
Gibt Obdach ihr und einn gold nen Traum.
Von einem alten, längſt verſcholl'nen Reiche,
Erzählen ihr geheimnißvoll die Zweige;
Von einom Volke, ſtark und ungeſpalten
Das mehr an That als an dem Wort geholten!

Das man nicht ſchnöd' bald hier, bald dort verrathen,
Und ſich nicht führen ließ von Diplomaten!
Von jenem alten, deutſchen Vaterland,
Das ſtark und treu und groß und einig ſtand!

O weckt ſis nicht mit Klang und Sangestönen,
Jhr könnt ſie mit alten Glanz nicht brönen!

Jhr Reich iſt aus - ob Jhr's nach fünfzig Jahren
Auch frei von Feinden feiert, die da waren -
Es ſteht nicht auf, ſo lang ſein Herzblut quillet
Und inn're Zwietracht ſeine Gauen füllet.

Am Sunndag war d'r. 18. Oktober! Unſer deitſcher
Befreiungsdag. Norr e eenzig "deitſch Herz" in Heidl-
berg ſcheint ſein Bedeitung nit vergeſſe zu hawe. Un
deß "deitſche Herz" hott unſer Bierbrauer Seppl im
Leib. Er alleen hott die deitſch Fahne am Sunndag
uffgezoge. Brawo! - Jm Jwerige is der Dag ohnte
Sang un Klang abgezoge. Frieher ſinn gewehnlich uff
de 18. Oktower die Holzbreiſe g'ſchtigge - deß Johr
ſinn ſe g'falle; dann e Freidefeier haw ich nergends
brenne ſehe. - Am 18. Oktower 1863 hawe mer frei-
lich unſern deitſche Befreiungsdag mit viel Lärme,
Schbektaakl un Feſchteſſe g'feiert. Es war d'r 50jäh-
rige! Es ware 50 Johr, daß unſer deitſch Vatterland
vum Franzoſejoch befreit war. Viel Feſchtredde nn
Drinkſchbrich ſinn ſellemool g'halte worre - ihr werd
eich noch erinnere. Alles war ſideel un angeheitert.
Norr mir war's Anno 1863 nit drum, mitzumache.
D'r deitſche 50jährige Befreiungsdag noocb Jnne hott
mer nit g'falle. Jch hab damools ſo gedenkt:

Drum dämpft den Jubel, der heut fern und nah -
Und ruft ſie nicht - ſie heißt Germania!
So haw ich Anno 1863 zum 50jährige deitſche Be-
freiungsdag g'ſunge. Heit, Anno 1868, is es Gottlob
annerſcht, Männer! Un wann ich am Sunndag, am
55ſchte deitſche Befreiungsdag, bei'me Feſchteſſe e Redd
g'halte hätt - hätt ich g'ſagt: Männer! E bisl beſ-
ſer is es ſeit finf Johr doch worre! Uff de erſchte
Schlag fallt kee Baam. Mir dirfe 's Kind nit
mit'm Baad ausſchitte. Jch bin zwar keener vun denne
die de Graf Bismark uff de Kniee anbeete - awer de
Reſchbekt, den 's Ausland alleweil widder vor de Deit-
ſche hott, hawe mer'm halt doch zu verdanken. Deß
große Gewitter vun Anno 66 war zwar e ſchwer Wet-
ter, un hott uns e manche Schaade zug'fiegt, awer es
hott doch die alt deitſch faul Luft gereinigt un ſauwer
gemacht, wenigſchtens bis an die Mainlinie.
Die Junker in Berlin
War'n zwar ſehr ſtolz und grün -
Doch ſchlimmer immerhin
Die "Heiligen in Wien!

Jndeſſ' ihr jubelt, ſingt und bankettiret,
Und voll den Mund mit Wort und Rede führet -
Jndeſſ' Jhr beiſer eich die Kehle ſchreiet,
Und Hoch auf Hoch dem Vatterlande weihet -
Jndeſſ' Jhr ſo des Fortſchritts Euch befliſſen,
Und ſchweren Hauptes ſinkt auf's Flaumenkiſſen;

Schleicht - wenn der Tag die Feſtſucht ſatt geſtillt -
Jn Mitternacht dahin, ein Frauenbild!

Wild flattern ihre langen, goldnen Flechten
Jm Sturme nach, mit dem ſie kämpfend rechten

Jhr blaues Auge irrt dahin am Wege,
Der ſie zerzaust mit ſeinem Dorngehege

Alſo loßt uns Deitſche erſcht emool recht zam me
kumme - unner een Hut. Guckt nooch Schbannie,
was e Nazion fertig bringt, die norr unner eener
Haub war. Alſo ſeid nit ſo bocksbeenig un fercht eich
nit ſo vorm Wilhelm dem (Zindn-)Adler! Unſer Herr-
gott, der ſorgt, daß die Beem nit bis in de Himml
wachſs, werd aach ſorge, daß dr breißiſche Adier, wann'r
imm'r vorm'm Licht un ror der Sunn rumfliegt, emool
die Fliggl verbrennt, un d'r deitſche Freiheit vun ſel-
wer in de Schoos fallt. - Drum ſeid einig, einig,
einig! Un ſattlt mer de Gaul nit am Schwanz uff.
Erſcht die Ziegl in die Hand, un dann in de Sattl
g'ſchtigge. Norr wer im Sattl ſitzt, lenkt de Gaul.
Weren am Schwanz anfaßt, kricht en Dritt! - G'hor-
ſchamer Diener.

Sie trägt ein Kleid aus vierunddreißig Fetzen -
Wem's feſtlich dünkt, mag ſich daran ergötzen!

So zieht ſie hin, den Wanderſtab zur Hand,
Hin durch's zerriſſ'ne deutſche Vaterland!

Vor manchem Throne bleibt fie bettelnd ſtehen:
Gebt mir ein Kleid, laßt mich ſe nackt nicht gehen!
Nehmt Schmach und Spott von mir - michſchmerzt die Bürde-
Gebt mir mein Recht, und gebt mir meine Würde!

Druck und Verlag ven G. Geiſendörfer.
loading ...