Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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mein Ehrenwort, daß ich nie zu einem Menſchen, als zu
Herrn von Jerſowich ſelber davon ſprach oder jemals
davon ſprechen werde."
"Jch danke Jhnen!" ſagte die Wittwe und ein lei-
ſes Zittern der Rührung bewegte ihre Stimme. "Doch,
Herr von Norrmann, ich habe noch eine Bitte. Jch
weiß, Sie haßten meinen - den Direktor und Sie ha-
ben dieſen Haß noch der Leiche bewieſen, indem Sie
ſich derſelben nicht mehr genahet, nachdem es amtlich
nicht mehr nöthig war."
"Sie irren! Jch haßte ihn nicht; verzeihen Sie,
wenn ich Sie durch meine offenen Worte verletze! Jch
verachtete ihn als einen laſterhaften Menſchen, als einen
Heuchler, der die Religion zum Deckmantel ſeiner ſchimpf-
lichen Handlungen mißbrauchte. Seine Leiche errogt
mir Widerwillen und Ekel, deshalb kam ich nicht, ſie
zu ſehen, denn ich bin der Meinung, daß, wenn man
vor einer Leiche nicht jene ehrſurchtsvolle Scheu zu em-
pfinden vermag, welche dem Tode gebührt, man min-
deſtens verpflichtet iſt, ihr fern zu bleiben."
(Fortſetzung folgt.)

"Mein Herr," begann ſie, "ich erſcheine vor Jhnen
als eine Bittende!"
Sich verbeugend und ſie durch eine Handbewegung
zum Sitzen einladend, entgegnete der Oberinſpektor:
"Die Bitten einer Unglücklichen -"
"Jch bin nicht unglücklich," fiel ſie ihm in die Rede,
nur eine von Gott Verlaſſene iſt unglücklich; ich bin
es nicht, denn ich bin bei Gott und Gott iſt bei mir.
Zwar hat der Herr mich tief gebeugt, aber ich weiß
ja: er züchtiget, die er liebt!
Ohne ſich weiter auf ihre frommen Reden einzu-
laſſen, nahm Norrmann ſeine Antwort wieder auf:
"Laſſen Sie mich alſo ſagen: die Bitten einer Tief-
gebeugten werden mir Befehle ſein, wenn die Erfüllung
derſelben nicht meinen Grundſätzen widerſtrebt."
"O," ſagte ſie bitter, "damit ſind die meinigen
ſchon ſo gut als abgeſchlagen."
Nein, meine gnädige Frau -"
"Nennen Sie mich nicht gnädig; kein Menſch kann
es ſein, nur Gott iſt es."
Nun denn: hegen Sie die Zuverſicht, daß meine
Wünſche dahin gehen, den Jhrigon entgegen zu kommen
und ſie, ſei's auch mit Opfern, zu erfüllen."
"Gut, ſo will ich denn reden! An dem Tage nach
der Revolte war ich eine ungeſehene Zeugin Deſſen,
was Sie meinem Gatten zur Laſt legten und was er
leider nicht leugnen konnte. Von Jhnen auf's Höchſte
geängſtigt, geſtand er mir auf Befragen ſpäter Alles
ein, und dies veranlaßte mich, ihn zu verlaſſen."
"Mit tiefem Bedauern erfuhr ich dies," ſagte der
Oberinſpektor, "und ich babe oſt gewünſcht, dies redreſ-
ſiven zu können. Hätten Sie nichts gewußt, ſo hätten
Sie ferner noch glücklich mit Jhrem Gatten gelebt
und -"

Miseellen.
(Ein Jtaliener im deutſchen Bade.) Ein Jtaliener war
auf der Reiſe in einem kleinen deutſchen Badeſtädtchen von einer
Krankheit überfallen. Der Arzt verordnete ihm warme Bäder nnd
ließ ihm ein Zimmer des Gaſthofes dazu einrichten, indem er dem
Hausknechte, der das Bad beſorgen ſollte, die gehörige Vorſchrift
deshalb gab. Der Kranke ward in das Bad gebracht und der Hans-
knecht gab ihm die Anweiſung, daß er, falls das Bad noch z kalt
wäro, rufen mögte. Dieſer neue Badewärter hatte aber für eine
ſolche hohe Temperatur des Waſſers geſorgt, daß der Jtaliener, in
dem er ſich in's Bad begab, ſchmerzhaft ausrief; "O ehe ealao!*
Der Hausknecht hielt dieſen Ausruf für eine Klage über die Kälte
des Bades und ließ ſogleich einen neuen Strem heißen Waſſens
hineinlaufen. Der Jtalener wiederholt ſeinen Ausruf, und je ärger
r ſchreit: "O ehe ealdo!" um ſo mehr heißes Waſſer ließ Jener
auf ihn ſtürmen. Da der Jtaliener mit ſeiner Klage nicht aufhören
wollte, ſo rief endlich der Hausknecht unwillig aus: "Der Kerl rmf
drch ganz aus Schnee und Eis zuſammengeſetzt ſein, daß er jezt noch
über Kälte klagen kann!" und mit dieſeu Worten ließ er eine ſo un-
geheure Fluth krchendes Waſſer herein ſtrömen, daß der Kranke alle
ſeine Kräfte zuſammenraffte und halb verbrüht aus der Wanne ſprang,
indem r verſicherte, daß er zeitlebens in Deutſchland keine dadekr
wieder vornehmen wolle.
- Es iſt unglaublich! welchs abſcheuliche Grauſamkett in unſerer
hechgebildeten Zeit - wie ſie ſich gerne nennen hört - manchmal
r och ſichtbar wird. Jn Stettin hat ein Schlachtermeiſter 50 Thr.
Belohnung für die Cntdekung des Böſewichtes ausgeſetzt, der ſeinem
Pferde im Stalle - die Zunge ausgeriſſen habe!
- ( Militär-Ezamen.) Corporal. "Alſo, wie geſagt: der
Soldat muß Reſpekt vor ſeinem Vorgeſetzten, beſonders ader vor ſei-
nm Corporalſchafts-Unteroffieier haben, ſowohl bei Tage wie bei
Nacht. Was thuſt Du z. B. Brummermann, wenn Dir des Nachts
von mir, Deinem Herrn Zimmercommandanten träumt?-
Brummermann. "Wenn ich von Jhnen träume? ich - ich -
ich ſchnarche!"
Corporal. "Was? ſchnarchen thut der Kerl? Du Lümmel! wen.
Du von mir, Deinem Hern Vorgeſezten räumſt, ſo nimmſt Du di.
Mütze ab."
- (Widerſpruch im Eheſtande.) "Crinnerſt Du Di
noch, meine Liebe, an die ſchöne rieftaſche, welche u mir damas
ſchenkteſt? Auf der einen Seite waren zwei Tauben geſtickt."
Sie: "Nein, die Tauden waren auf der andern Seite."

"Und wäre durch ſeiue Laſter in's ewige Verderben
gegangen!" fiel ihm die Direktorin in's Wort. "Nein,
es ſollte ſo ſein, der Herr ſorgte ſür mein ewiges Heil,
indem er mir den zeitlichen Schmerz auſerlegte. Dech
nun iſt er todt, deſſen Verbrechen mich von ihm trenn-
ten, und ich möchte wenigſtens vor der Welt ſeinen gu-
ten Namen retten. Jch möchte nicht, daß die Menſchen,
von denen wenige beſſer ſind als er, den Stein auf ihn
werfen und ſeinen Namen wie einen Schimpf nennen
dürfen."
"Jch begreife das," ſagte der Oberinſpektor ein we-
nig ſpöttiſch, "da ſie ſelber dieſen Namen tragen."
Sein Gefühl war beleidigt von der Kälte, mit wel-
cher dieſe Frau ihren Gatten ſeinem Verderben über-
ließ, ohne nur einen Verſuch zu ſeiner moraliſchen Ret-
tung zu machen, und ſich nur beeiferte, ihr ewiges
Theil in Sicherheit zu bringen. Sie aber ſah ihn ſcharf
an, dann flog ein Schatten tiefen Schmerzes über ihr
bleiches Geſicht, während ſie ſich erhob.
"Jch habe nichts mehr zu ſagen; leben Sie wohl!"
"Nein, Nein!" rief Curt, ihre Hand ergreifend und
ſie zurückführend. "Nicht alſo laſſen Sie uns ſcheidenſ!
Habe ich Sie gekränkt, ſo verzeihen Sie mir. Jn mei-
nen Händen allein liegen die Beweiſe der Schuld Jhres
Gatten, Niemand weiß davon und hier gebe ich Jhnen
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