Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 169
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0173
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
- - - ſO O0
l 17fJ17if7115
heideebl Agehintt.

Mr. 43.

Mittwoch, den 4. November 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Jr Zuchtharſe.

Erzählung aus der Wirklichkeit von W. Wauer

nann und den Seinen, die ihr noch in dieſer letzten
Zeit ihres Aufenthaltes hier unendlich viele Freund-
lichkeit und Aufmerkſamkeit erwieſen hatten.
Noch einen Todesfall und eine Hochzeit erlebten
Dieſe, bevor ſie aus ihrer Heimath ſchieden. Die alte
Gefangene Jokobi ging nach wenigen Tagen, mehr der
Schwäche als der Krankheit, zur ewigen iuhe ein.
Auch hier hatte Curt, mehr noch als der herbeigeru-
fene Rabbiner, die Stelle eines geiſtlichen Nathes und
Beiſtandes vertreten und bewirlt, daß die Sterbende
gefaßt und vortrauend auf die Gnade Gottes i oe
Ewigkeit hinüber ging und ohne Zagen vor der Zu-
kunft ſid der Erlöſung aus nun verundvierzigjähriger
Zuchthaushaft erfreute.
Die Hochzeit fand ganz plötzlich und unervartet
zwiſchen Nordenhjelm und Helene ſtatt. Man erſtaunte
nicht wenig, als man dio Einladung dazu erhielt;
aber Helene ſchrieb: man möge ſich nur auf vier
Wunderbareres gefaßt machen. Dies ergab ſich den
auch darin, daß man bei der Hochzeit erfuhr, Norden-
hjelm habe eine Anſtellung als Kreisgerichtsdirektor in
derſeben Stadt erhalten, wohin man ſich ſelber zu be-
geden im Begriff ſtand!
"Wie wunderbar der Zufall manchmal waltet!"
ſagte dor ſo Beförderte. "Jch habe mich nicht um de
Stelle beworben, ich wußte gar nichts davon! Wie
man auf die Jdee kam, gerade mir dieſelbe zu geben,
die mich mit Euch in einer Stadt vereint und mir da-
rum lieber iſt als jede andere in der Weit, das be-
greif' ich nicht. Der Präſident von Norr- ah!" un-
terbrach er ſich plötzlich; "das war kein Zufall!" Er
ſpraug auf, fiel Curt um den Hals und rief: "Läugne
es nicht, theurer Herzensfreund, das iſt Dein Wert!"
Curt läugnete in der That nicht. Es ward nun
beſchloſſen, die Reiſe nach dem neuen Beſtimmungsorie
zuſammen zu machen.
An einem heiteren Oktobermorgen begab man ſich
auf die Reiſe, und zwar in einem omnibasähnlichen
Wagen. Aufangs war die Stimmung ein wenig trübe
und gedrückt von den ſchmerzlichen Abſchieden, doch
bald erheiterte ſich dieſelbe. Man reiſte mit der größ-
ten Muße und Bequemlichkeit, verweilte oft einen oder
mehrere Tage in Städten, welche Sehonswürdigkeiten
enthieiten, und durchwanderte ſchöne Gegenden zu Fuß
oder machte von einem Haltorte Ausflüge in die Um-
gegend, unternahm Waſſerfahrten u. ſ. w. Dabei war
man vem ſchönſten Wetter begünſtigt. Man aß ent
weder im Freien aus der Reiſeküche, welche man bei

(Fortſetzung.)
Herr von Norrmann!" rief die Direktorin über-
wältigt von ihrem Schmerz. Sie urtheilen mit furcht-
barer Strenge über den Dahingeſchiedenen, während
Sie ſich grenzenlos mild und gutig gegen die größten
Verbrecher zeigten."
"Jch kann den Verbrecher bemitleiden, den Böſe-
wicht muß ich verachten," erwiederte Rorrmann. "Das
iſt der Unterſchied. Herr von Jerſowich war ein Bö-
ſewicht und keiner Erhebung meyr fähig, Jch habe mich
Jahre lang bemüht, ihn empor zu ziehen und ich ga
ihn erſt auf, als ich ſah, daß Alles dergeblich war.
Von da an hielt ich mich, wenn ich nur konnte, ſo
fern von ihm, wie jetzt von ſeiner Leiche."
"Ach, und wollen Sie dieſen Etel, dieſen Abſcheu
vor dem Todten denn anch dadurch öffentlich bezeu-
gen, daß Sie nicht bei ſeinem Begräbuiß erſcheinen?"
frnte die sittwe, den Oberinſpektor bittend und ängſt-
lich anſehend.
um Gott, nicht dieſe furchtbare Erregung! Jch
bitte Sie, faſſen Sie ſich! Jch will auch dies noch fur
Sie, für Jhre Ruhe thun; ich will ſeiner Beſtattung
beiwohnen; doch nun gebieten Sie Jhrem Schmerz;
esthut mir unendlich weh, ihn verurſacht zu haben!"
"Wenn Sie dieſen Schmerz verurſachten," antwor-
tete Frau von Jerſowich, ſich aufrichtend, "ſo haben
Sie ihn auch wieder geſtillt, edler, großmüthiger
Mann; haben Sie Dank, tauſendmal Dant! Sie er-
hob ſich zum Fortgeben, dabei ergriff ſie ſeine Hand
und vollte ſie an ihre Lippen ziehen. Er aber in ſei-
ner chevaleresken Weiſe wußte die Sache geſchickt zu
wenden, küßte die ihre und geleitete ſie bis zur Thür
ihrer Wohnung.
Als die Leichen beerdigt und die Ruhe des Hauſes
wieder hergeſtellt war, betrie Norrmann eifrig ſeinen
Abgang aus der hiefigen Anſtalt. Auf ſeine Verwen-
dung wurde der Jnſpektor Wiedner zum Direktor der-
ſelben ernannt und ebenſo rückten einige Unterbeamte
in die Stellen des Oberinſpektors, des Jnſpektors und
des Hausvaters. Endlich kam die Zeit der Abreiſe
heran; die der Direktorin war ſchon früher erfolgt.
Sie reiſte nach der Hauptſtadt, wo fie an einem, von
der Kronprinzeſſin eben geſtifteten Krankenhauſe die
Stelle der Vorſteherin erhalten hatte. Bewegt und
mit Gefühlen des Dankes trennte ſie fich von Norr-
loading ...