Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Jr. 44.

Samſtag, den 7. November 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Snmſtag. Preis monatlich S kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abynnirt in der Druckerei, Untereitr. 9
und bei den Trägern cwärts bi Len Lundboten und Poſten.

Jm Zuchthaſe.

Erzählung aus der Wirichkeit von W. Wauer.

deutendes Geſchenk für die Anſtalt n Empfang zuneh
men, des Rorrmann dazn verwandte, die Mußeſtunden
der Gefangenen auf eine nntzliche und doch nnterhar-
tende Art audzufüllen. Sie wurden nicht um 7 hr
in die Schlafſäle geſperrt, ſondern konnren im Srmmer
auf den großen Höfen fich mit Lefen, Schresen der
irgend einem Vergnügen, einer Arbeit eſchäftigen.
Auch erhielten ſie auf ihren Wunſch innerhalb dieſer
Höfe kleine Beete, welche ſie ſich deardekken und be-
pflanzen durften. Mit den ſo gewonnenen Bnen
war es ihnen erlaubt die Fenſter ihrer Arveitsſäle .
ſchmücken oder ie zu verkaufen und das ribfte Gend
entweder git ſparen oder für Etwas, dss ſie gs se-
ſonders wünſchten, zu verwenden. Der hſatz machte
ihnen dabei keine he, denn Michael kanfte fie ihee
immer, ſodie auch ihre kleinen Feierabendarbeiten ie
gutes Geld ab und verſchenkte ſie wieder.
So laſfen wir unſere Freunde fortwirken, lieben
und leben durch zehn Jahre und kommen dann h
einmal, um vor unſerem Scheiden von ihnen zn rhen,
was ſie erſtrebt, errungen, was ſis ſich eriedt ud
erlebt.

(Fortſezung.)
Da waren keine vergitterten Fenſter, denn die Sicher-
heit und Feſtigkeit, welche das Schloß von außen um-
gab, machte dies unniz, hohe, helle, freundliche Arbeits-
und Schlafſäle, überwölbte Gänge für die Spaziergänge
der Erholungsftunden im Winter, ein Bibliothekzimmer,
in welchem eine grge Samminng auserleſener unterhal-
tender Schriften aufgeſtellt war, die den Befungenen zur
Benutzung in den Mißeſtunden, ſowie an Sonn- und
Feiertagen zu erlaubter Verfügung ſtanden. Da war
eine Schule, da varen Werkſtätten der Kunſt und des
Gewerbes, in welchen tüchtige Meiſter den Sträflingen
das nach eigener Neigung Erwäylte lehrten. Eine
ſchön aasgeſtattete Kirche lud die Gefangenen am Sonn-
tag zur Andacht ein, welche der Direckr und die Sei-
nen mit ihnen theilten. So gut der Hausvater und
all' die Vorgeſetzten auch bei den Sträflingen ange-
ſchrieben ſtanden, war doch Rorrmann von dieſen nm
ſoviel mehr geliebt, daß ſein jedesmaliges rſcheinen
erwärmend und erfreuend wie der Strahl der Bonne
auf ſie wirkte. Wie wir dies ſchon an Kendelbacher
geſehen, zeigte es ſich auch hier, daß ſelbſt die Koheſten,
die Wildeſten ſich ſcheu, aber voll Liede zu ſeinen Füßen
ſchmiegten, vor einem finſteren Blick zitterten nd für
einen freundlichen durch Feuer und Waſſer gingen. Mit
Schmerzen ſchieden die Gefangenen ſtets aus der An-
ſtalt, obwohl der Director auch dafür geſorgt hatte,
daß ſie nicht hilflos aus derſelben entlaſſen und wieder
auf'e Neue in Elend und Verbrechen hinein geftoßen
narden. Er hatte ſich mit den Handwerkern in der
Stadt, wie mit den Landwirthen in der Umgegend in
Verbindung geſetzt, damit die entlaſſenen Straſtinge ſo-
fort in der Nähe Beſchäftigung fanden, und hier war
die ſo ſehr verbreitete Furcht vor der Anfnahme ſolcher
Beſtraften gänzlich verſchwunden. Jm Gegentheile wur-
den ſie von Jedem gern in Arbeit genommen, denn
die aus dieſer Anſtalt Entlaſſenen waren ordentliche,
pünkiliche und fleißige Leute. - Die Reſultate dieſes
Jnſtitutes waren die ausgezeichnetſten: es bildete einen
großen Theil ganz roher Menſchen zu nützlichen Glie-
dern der Geſellſchaft aus und entließ dieſelben wirklich
gebeſſert. Der König war ſehr erfreut hierüber. Norr-
mann erhielt außerordentliche Belobungen und ſtand
hoch in Gunſt und Gnaden. Alljährlich mußte er nach
der Reſidenz kommen, Bericht abzuſtatten und ein be-

Wir finden ſie an demſelben Orte, in demſelben
Hauſe wieder, aber das Haus iſt jetzt kein Zuchider
mehr, ſondern Norrmann's Privateigenthum, das nt
einem großen Beſitz von Ländereien, Forften, Seen und
Teichen, ſowie mit einer ſehr bedeutenden Landwirtn-
ſchaft eines der größeſten Güter jener Gegend tldete.
Wie as kam, daß Norrmann ans ſeiner früheren Thä-
tigkeit geſchieden, und wie er, der ſonſt wenig Verms-
gen beſaß, einen ſo umfafſenden Ländereibefitz an ſich
dringen konnte, dies lag in Folgendem. Der alte Kinig
war geſtorben. Der Sohn hatte andere Anſichten g
der Vater und ſtimmte der Milde nicht bei, welche der
erſtere geübt; nur durch unnachſichtliche Strenge einte
er ſein Land von Verbrechen befreien zu können. Dir
Anſtalt Norrmann's war daher dem neuen Regims ein
Dorn im Auge, auch in ſeiner Anſtaut ſohte wie in
den Zuchthäuſern des ganzen Landes das Zeleniotte
eingeführt werden. Norrmann forderte und rhtt
ſeinen Abſchied. Noch unter der Regiernng des an
Herrn war der Präſident von Norrmann geſtorten nnd
hatte, unvermählt, wie er geweſen, ſein faſt unermeß-
liches Vermögen den Kindern ſeiner Brüder: Curt und
Roſaline hinterlaſſen. Der Erſtere beſchloß inen e-
deutenden Grundbeſitz anzukaufen, der graoe in näc-
ſter Nähe zu haben war, und da die Regierung das
Schloß, welches bis jetzt die Strafanſtalt enthieit, fnr
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