Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Am andern Morgen reiſte Noſaline mit ihrem Töch-
terchen ab. Norrmann konnte es nichi über ſich gewin-
nen, ſie ſcheiden zu laſſen, ohne zugegen zu ſein, ob-
wohl er bereits Alles gethan, um ihre Reiſe ſo bequem
wie möglich zu machen. Er gab ihr auch einen ſeiner
zuverläſſigſten Diener mit, der nicht allein während
dieſer Reiſe für Alles Sorge zu tragen hatte, ſondern
ihr auch in der neuen Heimath bei der häuslichen Ein-
richtung thätig zur Hand gehen ſollte. Das geſunkene
und leichtſinnige Weib war tief erſchüttert durch ſo viel
Güte; als er ihr zum Abſchiede noch die Hand in den
Wagen reichte, preßte ſie dieſelbe glühend an ihre Lip-
pen und Thränen feuchteten dieſelbe.
"Leb' wohl!" ſchluchzte ſie. "Danke auch ihm
tauſend Mal in meinem Namen und denkt meiner in.
Frieden!"

Norrmann hielt Wort. Er beſuchte ſie in jedem
Jahre und fand, daß auch ſie das Verſprechen hielt,
ihre Tochter zu einem tugendhaften Weibe zu erziehen.
Ja, ſie ging darin ſogar etwas zu weit, wie dies Per-
ſonen von ehemals unmoraliſchem Lebenswandel zu thun
pflegen, da ſie in ihrem Jnnern kein richtigen Maaß
Deſſen befitzen, was gut oder was verwerflich iſt und
daher in ihrem Beſtreben leicht die Grenzen des Nöthi-
gen überſchreiten. Die Erziehung Michaela's fiel alſo
ein wenig ängſtlich und pedantiſch aus; aber es blieb
noch Zeit genug, um dieſe beengenden Eindrücke wie-
der zu verwiſchen, denn nach wenigen Jahren erſchien
Curt gerade zur rechten Zeit, um aus den Händen der
ſterbenden Roſaline deren Kind und ein in Brillanten
gefaßtes Portrait Michaels in Empfang zu nehmen,
welches letztere Dieſer ihr bei ſeiner Verlobung mit
ihr einſt geſchenkt und das ſie ſelbſt in der höchſten
Noth zu veräußern ſich niemals hatte entſchließen
könuen.

"Du ſollſt auch Das wiſſen! Weil ich außer dieſem
Kinde nie einen Menſchen ſo geliebt, wie ihn!"
"Roſaline, und Deine furchtbare Härte, Deine
Grauſamkeit gegen ihn?" fragte Norrmann erſtaunt.
"Lag eben in meiner glühenden Liebe zu ihm!
Hätt' ich ihn weniger geliebt, ſo wär' ich weniger hart
geweſen" Doch, rief ſie plötzlich lachend, "Du läſſeſt
mich ſchwatzen, wie ein altes Weib! Komm, trink' doch
eine Taſſe Kaffee; es wird die letzte ſein, welche Du
bei mir trinkſt."
"Glaube das nicht; ich komme jedes Jahr zu Dir
und werde ſehen, ob Du Michaela zu einem tugend-
haften Weibe erziehſt."
"Du ſollſt zufrieden ſein!" verſicherte ſie und ſetzte
dann, um ihre Bewegung zu verbergen, lachend hinzu:
"Jhr zu Liebe will ich ſelber noch wieder ſo rein wer-
den wie Schneewittchen."
Als Norrmann wieder im Schloſſe ankam, fand er
die Seinen ſehr beſtürzt uud traurig, denn Michaels
Krankheit hatte ſich während ſeiner Abweſenheit ſo be-
deutend verſchlimmert, daß der Arzt ein bedenkliches
Geſicht zeigte und auf Curts entſchiedenes Verlangen
dieſem erklärte, daß im günſtigſten Fall die Krankheit
zu einem Nervenfieber ſich umgeſtalte.
"Und im ungünſtigſten Falle?" fragte Norrmann,
indem er ſich vergeblich bemühte, ſeiner Stimme die
gewöhnliche Feſtigkeit zu verleihen. -
"Tritt ein Nervenſchlag ein und - macht ein Ende."
Einen Augenblick wankte der ſtarke Mann wie ein
vom Winde gebeugtes Rohr; dann ging er zu dem
Freunde und fand dieſen ohne Bewußtſein in den hef-
tigſten Nervenzuckungen. Faſt noch bedauernswerther
war der Zuſtand Antoniens, die einer Leiche ähnlich
mit weißen zuſammengepreßten Lippen und ſtarren
Augen am Lager des Kranken ſaß. Vergebens ſchmei-
chelte und liebkoſte Minka, vergebens tröſteten Mutter
und Schweſter; ſelbſt Norrmann's Worte blieben ohne
Wirkung. Er ließ daher den Vater herbei rufen, theilte
ihm Alles mit und bat ihn, die Tochter mit freundli-
chen, gütigen Worten aufzurichten. Moller war ſehr er-
zürnt, doch als er ſie ſah, erſchreckte ihn ihr Ausſehen
dermaßen, daß er allen Zorn vergaß, ſie liebevoll in
ſeine Arme ſchloß und ſie auf's Eindringlichſte zur Faſ-
ſung und Geduld ermahnte. Dies wirkte. Antouie
brach in Thränen aus und ſo löſte ſich die wilde,
krampfhafte Verzweiflungsangſt. Sie ſank am Lager
des Gatten nieder und flehte Gott an, ihn ihr zu laſ-
ſen; ſie gelobte, ihn nie mehr durch Eiferſucht und Hef-
tigkeit zu kränken. Und als wolle der erhabene Geiſt
ihr zeigen, daß er ihr Gelübde gehört, beſſerte ſich faſt
in derſelben Stunde noch Michael's Zuſtand und zwar
nicht einmal in der Weiſe, wie es der Arzt voraus
geſagt. Die Krankheit ging nicht in ein Nervenfieber
über, ſondern die Zuckungen und inneren Krämpfe leg-
ten ſich, der Patient kehrte zum Bewußtfein zurück und
ſchritt, wenn auch langſam, zur Beſſerung. Dieſer ſicht-
bare Fingerzeig des Herrn grub ſich tief in Antoniens
Seele, treu erfüllte ſie ihren Schwur und ihre Ehe war
von da an die glücklichſte.

Michael erbat ſich von Norrmann die Tochter Ro-
ſalinens und machte ſie, mit Antoniens Einwilligung,
zu ſeiner eigenen. Sie hieß nun Michaela Steppanoff
und niemals empfand ſie es, daß ſie nicht wie Minka
wirklich die Tochter Derer war, die ſie an Kindesſtatt
angenommen.
So ſcheiden wir denn von unſeren Freunden, ſie
ſo glücklich zurücklaſſend, wie dies nur Wenigen zu
werden beſchieden iſt. Zwar hatte Michael recht, als
er einſt behauptete, daß die Wunde, welche er empfan-
gen, niemals heilen könne; allein wohl Dem, deſſen
Leben nur eine ſolche unheilbare Wunde aufzuweiſen
hat, und wohl Dem, bei welchem Liebe und Freund-
ſchaft ſo beeifert ſind, die Schmerzen dieſer Wunde zu
lindern, wie dies bei ihm der Fall war.
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