Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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ſchüttelte den Heinz, ſo derb es die altersſchwache Hand
vermochte, bei der Schulter; "ob Du auch mein Fleiſch
und Blut biſt, ſo will ich doch keinen Theil mehr an
Dir haben und gleich vor Rath und Bürgerſchaft hin-
treten und es mit lauter Stimme ausſchreien, welch
hölliſche Praktiken ihr abgekartet in der Herberge und
vor dem Bergthor. Gehſt Du dann auch mit Deinen
Spießgeſellen unter Meiſter Knüpfaufs Führung zum
Rabenſtein, ſo errettet der zeitliche Tod wohl Deine
Seele vor neuen Sünden und Uebelthaten, welchen der
böſe Feind Dich zutreibt und ſtündlich will ich Gottes
Gnade und Vergebung auf Deine arme Seele herab-
flehen. Aber ich ſchwör's .. . ." - "Gemach Alter,
ſchwöre keine nutzloſen Eide," fiel Heinz dem aufgereg-
ten Alten mit einem halb mitleidigen, halb pfiffigen
Lächeln in die Rede; "wollteſt Du Verrath üben, ſo
zwänge mich ein ſchwerer Eid, das nicht zu dulden,
und ich könnte und dürfte Dich nicht, obwohl Du mein
leiblicher Vater biſt, vor dem Meſſer des Feuerfink
oder des Aegypters ſchützen; ja, und wer wiß, ob's
euch der Rath großen Dank wüßte, wenn's Euch ge-
länge, vor ihn hinzutreten; gehört doch ein gut Theil
der im Rathe ſitzenden Zunftmeiſter der guten Sache
an nnd wenn unſere Kundſchaft uns nicht betrog, und
das wäre dss erſte Mal, ſo iſt reich über die Hälfte
der Bürgerſchaft gut Münzeriſch."
Der Alte horchte erſtaunt und erſchrocken auf, denn
er wußte recht wohl, daß ſein Sohn kein Freund von
leerem Gerede, und ein Menſch von eiſernem Willen
war. Jn tiefem Nachſinnen lange vor ſich hinſtarrend,
begann er endlich in einem weit milderem Tone wie
vorher: "Hör, Heinz, ich will jetzt nicht weiter mit
Dir rechten und ſtreiten; Dein böſes Rachegelüſt, Dein
wild jugendlich Blut, und auch Dein großes Unglück,
haben Dich den ketzeriſchen Lehren zugetrieben, wodurch
der Münzer ſeine mordwüthigen Haufen gegen das
Edelvolk aufhetzt; es ſoll Alles niedergemacht werden,
was Stiefel und Sporen trägt, flüſtern ſie in ingrim-
miger Wuth auf der Herberge, und in Mühlhauſen
ſchreien ſie's gar laut aus. Aber ſage Heinz, biſt doch
kein Unmenſch oder Wütherich, ſind denn nicht unter
dem Edelvolk auch viel gute und wackere Herren und
Frauen, die uns armen Leuten eine Stütze ſind? Da
iſt die gute Freiin von Gehofen und ihr künftig Ge-
mahl, der Ritter von der Schwalm . .. . .. .." -
"Raſeſt Du, Alter!" fiel Heinz dem Ziligax ins Wort.
"Verübel's mir nicht, Du wirſt ſchwach am Verſtand;
was helfen uns die Bettelgroſchen der Gehofen, nach-
dem wir durch adelige Schächer, ihre Geſippter, zu ar-
men Leuten und Krüppeln geworden!? Und nun gar
der hochmüthige Schleicher, der vvn der Schwalm, der
mich jünaſt mit Peitſchenhieben und Fußtritten von
ſeiner Schwelle geſtoßen und auf uns arme Leute ber-
abſieht wie auf Hunde, der dazu noch mit dem Ruſte-
berger und den Hanſteinern zu unſerm Verderben ab-
kartet, der, ſage ich Dir, muß vor Allen ans Meſſer,
ſo wahr .. .. . ." - "Böſtwicht, Du haſt meinen
Fluch, meinen dreidoppelten Fluch, ſo Du nicht ein-
hältſt," ſuhr Ziligar entſetzt auf und preßte ſeine Hand

auf den Mund des wilden Sohnes; "hör, Du mußt
wiſſen, o mein Gott! das Geheimniß, - es muß her-
aus, und, - doch ſtill, da ziehen Deine zerlodderten,
wüſten Spießgeſellen heran, die Dich ihren König nen-
nen! heute nach der Veſper harreſt Du mein in der
Herberge, ich fluche Dir, ich ermorde Dich, ſo der Ge-
hofen oder dem von der Schwalm ein Haar gekrümmt
wird . . " Ziligax konnte nicht weiter reden, am
ganzen Leibe bebend hielt er inne und ſchaute ganz
verſtarrt auf einen Truppvon bewaffneten Landſtreichern,
die luſtig und guter Dinge daherzogen und die beiden
Bettler umſtellten. - "Tauſend Schock Enten!" rief
aus heißerer Kehle ein mit einer Saufeder bewaffneter
Kerl in ſchäbigem, grünen Mantel und grünem Hut;
"was habt ihr beide da für ein Gebral (Geſchwätz)?
ich glaube gar der alte Betbruder liſt Dir die Leviten,
Heinz; ſah ja, hol mich der Loe Oetlin (Teufel), aus,
als ob er Dich wie einen Schulbuben bei den Ohren
packen und abbläuen wollte! Sollſt dem Alten wohl
von Deinen Bettelgroſchen 'rausrücken! So wahr ich
der Feuerfink heiße, der blöde Breger hält den Heinz
noch immer wie einen feuchtohrigen Buben! Jetzt aber
alch Dich übern Breithart (packe Dich ſort), alte Tut-
urſel! wir haben ein wichtiger Ding zu thuen, als
auf Dein Gebarl zu achten!" - Zugleich neigte ſich
der Feuerfink flüſternd an Heinzens Ohr, der nach-
denklich und düſter vor ſich hinſtarrte, während der
Ziligax, mit einem vielſagenden Blick auf ihn, ſeine
Krücke an ſich raffte und ohne den Feuerfink und ſeine
Genoſſen weiter zu beachten, unter tiefem Seufzen die
Stufen zur Straße hinab krückte.
Der wüſte Bettler- und Landſtreicherhauf aber zog
luſtig und guter Dinge nach der Stubenſtraße, der
Bettlerherberge zu, wo zahlreiche Genoſſen zechend,
ſchwatzend und fluchend vor der Thür und bis mitten
in die Straße hinein lagerten.
Das war ein ſeltſam Menſchengewühl, man konnte
nur mit Mitleid oder mit Ekel und Abſcheu darauf
hinſchauen; da ſah man verlumpte Landsknechte, Sünd-
feger genannt, mit langen Meſſern an den Gürteln,
die waren heute in den Orden aufgenommen und
ſchritten über nackte, ſchmutzige Kinder und zerlumpte
Krüppel hin und her, um aus der wüſten Herberge
den neuerſundenen Feuertrank zu holen, den "Funken-
johann", womit ſie den "draußen" lagernden, neuge-
wonnenen Bettelbrüdern zutranken. Andere, "Klenkner"
genannt, und von Schmutz und Lumpen ſtarrend, hat-
ten ihre Krücken, auf welchen ſie heute am Morgen
noch mit Jammermiene einhergehinkt, auf einen Hau-
fen geworfen, thaten tanzend und ſpringend den Sünd-
fegern Beſcheid, und trieben grobe Poſſen mit den
zerlumpten Weibern, welche in verwildertem Haar und
kaum die Blöße bedeckt, auf offener Straße ſudelten
und kochten. Noch andere wüfte Geſellen, die ſich
beim Bettel an Ketten führen und ſich als Beſeſſene
ausſchreien ließen, raſſelten hohnlachelnd mit den Ket-
ten und ſangen grobe Zotenlieder, als eben Heinz und
der Feuerfink mit ihrem Haufen unter ſie traten.
"Daß euch Gotis Marter ſchänd', ihr Vopper!"
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