Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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gen zu der zornglühenden Frau hinauf: "Schön Dank
für den Stammbaum, lieb Schweſterlein! alſo wir ge-
hören zu denen von Hundsblut? Zehn Schock Tonnen
Teuſel! hah! juchhe! Hundsblut!"
Damit ſchnellte Heinz unter Grunzen, Lachen und
lautem Aufſchrei davon und der Bettlerherberge wie-
der zu, während Richenza die Treppe hinabgeeilt war,
um von dem betäubten, ſich langſam erholenden Diener
gewünſchte Kunde zu hören; die ihr unſinnig und un-
verſtändlich klingenden Worte des Bettlers beachtete die
heißliebende Frau nicht weiter. - Ein Schauer des
Entzückens überlief ſie, als der den Kopf reibende
Diener ausſagte, daß es um den Herrn von der
Schwalm ſehr wohl ſtehe; keine ſeiner Wunden ſei ge-
fährlich und bei der guten Pflege, die er in ſeinem
Loſament genieße, werde er ſchon nach wenigen Tagen
wieder friſch auf ſein; er laſſe ſeine Herrin und Frau
viel tauſendmal ſchön grüßen und ſie mög' ohne alle
Sorgen und fröhlichen Herzens ſein. -
Die ſchöne Frau lächelte durch Thränen und ge-
lobte bei ſich, dem theuren Mann niemals, wie ſie es
ſonſt wohl in ihrer Herzensmilde gethan, zu wider-
ſprechen, wenn er ſich in Jngrimm ausließ über das Pö-
bel- und Püffelvolk, deſſen boshaſter und niederer Sinn
ihr eben noch ſo groß Herzeleid gethan; auch gelobte
ſie nach ihrer Vermählung eine Bitt- und Dankfahrt,
barſuß und mit zu Felde geſchlagenem Haar, zum Hil-
fensberge zu machen und vor der heiligen Kümmerniß
drei Pſund Wachs, vor der gnadenvollen Mutter aber
ſechs Pſund Wachs anzuzünden. - - -
Den Grund zu Heinzens wunderlichem Gebahren
und wilder Aufregung hatten nur wenige abgebrochene
Worte gegeben, die ihm der todtkranke Ziligar, nach-
dem er den beiden helfenden Bregern zum Hinausge-
hen gewinkt, mit ſchwindender Stimme in's Ohr ge-
baucht hatte: "Jch habe den von der Schwalm mit
meinem Leibe gedekt," hatte er mühſam hervorgeächzt,
"weil mich mein väterlich Herz dazu gezwungen, denn
er iſt das Herzblatt der Freiin von Gehoſen, meiner
Tochter und - Deiner leiblichen Schweſter, hörſt Du,
Heinz? Deiner Schweſter! - - Sie ſt von Dei-
nem Fleiſch und Blut. Kain! Bruder örder, wilſt
Du Deine leibliche Schweſter, Deines Vaters Kind,
morden? und - Du mordeſt, Du marterſt mein Kind
zu Tode, wenn Du den Ritter morden läßt, ſie über-
lebte es nimmer! Tauſendfachen Fluch Dir, ſo Du
nicht Beide retteſt und vor der Mordgier der wüthigen
Bauern und Vaganten ſchirmſt. Du vermagſt es,
Menſch; herzlieber Sohn, ſckwör's mir bei Gott und
allen Heiligen, Tu vermagſt es, ſie rnfen Dich den
Vagantenkönig und Du haſt groß Anſehen bei dem
Volk. Da - Jeſus, Maria und Joſeph! Es iſt her-
aus! Jch hab' den heiligſten Eid gebrochen, ich bin
ein arger Sünder, ich bin . . . . . "
Da verſtummte der bebende und in Angſtſchweiß
gebadete Alte, Stimme, Kraft und Bewußtſein ſchwan-
den hin und er fiel, einem Todten gleich, ſtarr und
anggeſtreckten Leibes auf ſeinen durchlöcherten Stroh-
ack znrück. Auch Heinz ſtand ſtarr und einem Tod-

ten gleich über Ziligax hingebeugt, nur die in fieber-
hafter Spannung faſt aus den Höhlen tretenden Au-
gen und die geöffneten Lippen verriethen, das Leben
in ihm ſei, ſo ſtand er noch eine Weile, nachdem der
Alte verſtummt, dann aber ſchnellte er mit einem jähen
Schrei hoch empor, faßte den leblos daliegenden Alten
bei beiden Schultern, rüttelte ihn wild und rief, daß
es das Haus durchdröhnte: "Gott! Teufel! Helfe
wer will, daß der Alte erwache! Jch laß Dir weder
Ruh in der Hölle noch im Himmel, ſo Du nicht Aus-
kunft giebſt. Jch, ich der Bettelheinz, der Bettlerkö-
nig, der fürnehmen, ſtolzen Sontzin Bruder!? Alter,
Du haſt geraſet und Deine Raſerei ſtößt mich an!
Jſt's gewißlich wahr? Dann her die Beweiſe, die
Beweiſe! Höll' und Teufel, die Beweiſe! Du mußt
erwachen!" kreiſchte der raſende Heinz mit aller Kraft
ſeiner Lungen und ſtürzte, mit der geſunden Hand den
verſtümmelten Arm über dem Kopf zuſammenbiegend,
erſchöpft vor dem Bettgeſtell auf die Knie.
Er hatte es überhört, daß auf ſein Geſchrei die
beiden alten Breger ganz erſchrocken eingetreten waren
und fühlte es eine Weile gar nicht, daß der eine der
Alten in endlich hart angriff, und vorwurfsvoll ſprach:
"Menſch, beſitzt Dich der Leo Oetlin, daß Du raſeſt
und Deinem todtkranken, leiblichen Vater ein Leid
thuſt? Gott ſei gelobt, es iſt noch Leben in ihm," fuhr
er nicht ohne einen Anflug freudiger Erregung fort,
nachdem er die Hand auf die Bruſt des ſtarr und
ſtumm daliegenden Ziligar gelegt.
Leben in ihm, ſagſt Du, Mathias?" fuhr jetzt Heinz
auf und faßte des altrn Bettlers beide Hände mit ei-
nem Griff. "Leben!? O wecke es bei Deiner Seele
Seligkeit mit Deiner Kunſt! mein Bettelgeld, des Al-
ten Bettelgeld, beim Pankratz, es iſt nicht wenig, Alles
ſoll Dein ſein, Matthias! Gieb meinem Alten Leben,
gieb ihm Kraft, daß er den Mund aufthut, er muß,
er muß ſprchen, ſprechen muß er!"
Matthias, genannt der Loller, wor in ſeiner Ju-
gend Bettelſtudent und ſpäter Theriakskrämer geweſen
und galt für einen Gelehrten in der Bettlerzunft; man-
ches Fieber und ſonſtiges Gebreſte hatte er durch ſein
Kräutig und ſeine Tränke glücklich geheilt; drum hatte
er ein Anſehen unter den Bettlern, war ihr Schrei-
ber und ihr Medicus. Anch glaubte man, er "könne
mehr als Brod eſſen" und ſei geheimer Künſte kundig,
darum fürchtete man ſich ihn aufzubringen und ſolgte
gern ſeinen Anordnungen.
Auch Heinz ließ es ruhig über ſich ergehen, als der
Leller ihn dnrch ſeinen Naſenkneiper (Brille) gar ſcharf
und drohend anſah und ihm ſein Ungeſtüm auſs Ern-
ſteſte verwies. Wolle er, daß ſein Vater wieder zum
Bewußtſein und Leben tomme, ſo müſſe er ihm Ruhe
gönnen, nicht Stunden, nicht einen Tag, ſondern viel-
leicht dreimal drei Tage bedeutete ihm Matthias; aus
ſeinem Schreien und Toben habe er wohl vernommen,
daß er von dem ſchwerkranken Mann Wichtiges erkun-
den wolle; damit müſſe er warten, bis der Alte wieder
bei Kräften ſei, ſonſt könnte ihm die Aufregung die
Seele austreiben. "Darum, Heinz," fuhr Matthias
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