Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 195
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0199
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
195

ſeiner Rachgier. Doch war er ſich über dieſen Umſtand
noch nicht recht klar und Furcht vor ſeinem Vater, oder
vielmehr das Gefühl einer aufrichtigen kindlichen Liebe
zu ihm, durchkreuzteu jedesmal ſeine Pläne in Bezug
auf den Ritter von der Schwalm, den er grimmiger
haßte, als irgend einen Andern der Sporen trug.
(Fortſetzung folgt.)

D'r Weffzemaier.

auf's Beſtimmteſte fort, "warteſt Du ruhig, bis ich
Dir ſage: nun ſteht's gut mit dem Alten, oder bis
er ſelbſt zu mir ſagt: laß mir den Heinz kommen.
Verſtanden? Nun ſtöre mich nicht weiter in meiner
Pflege, ſondern troll Dich. Hundert Stimmen haben
ſchon nach Dir geſchrieen und der Feuerfink war fuchs-
wild, hättſt immer das größte Maul gehabt und das
Bſchuderulm mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen
und nun es an's Werk gehen ſolle, ſeiſt Du nicht da
und nähmſt das verdammte Edelblut gar noch in
Schutz." -
Heinz zuckte zuſammen, die Gründe des Lollers
leuchteten ihm ein, und er begriff bei ſeinem guten
Verſtande ſehr wohl, daß er dem wie todt daliegenden
Alten Ruhe gönnen müſſe, um ſicher zu ſein, daß er in
den vollen Beſitz des eheimniſſes komme, deſſen dunkle
Spuren ihn in ſo furchtbare Aufregung verſetzt. Außer-
dem hatte er ſich, trotz ſeines wilden, jähzornigen Cha-
rakters und bei all ſeiner ganneriſchen Heuchelei und
Verſtellungskunſt eine aufrichtige kindliche Liebe für ſei-
nen Vater bewahrt und er bebte vor dem Gedanken
zurück, daß er durch ſein Ungeſtüm vielleicht, wie der
Matthias meinte, den Alten, der jetzt immer deutli-
chere Spuren des viedererwachenden Lebens zeigte, un-
ter die Erde bringen könne. Gleichwohl konnte er aber
nicht ſobald ſeiner Aufregung Herr werden, tobte, wie
wir geſehen haben, noch lange Zeit wie toll und thö-
richt in der Herberge und auf der Straße herum, drang
auch noch einige Male unter wilder Beſtürmung des
Lollers, daß er den Alten zum Leben wecken ſolle, ins
Dachſtübchen, bis Matthias, ſo gut es ſeine Kräfte ver-
mochten, ihn zur Thüre hinausdrängte und den Riegel
vorſchob. -

Die Schtadt hott die Lifferung vun fufzeh Schtick
Mäntl for unſer Leichedräger im Summiſſionsweg ver-
gewe. Einverſchtanne. Kann gar nir ſchade. Awer
die beſcheide Anfrog meegt ich mer bei der Gelegenheit
erlaawe: ob nit aach ball die Lifferung vun fufzeh
Schtick neie Hiet ausg'ſchriewe werd? Die wäre gewiß
aach neethig! Dann e koomiſcheri Muſchterkart vun
Hiet, wie ſe unſer Leicheperſonal uffzuweiſe hott, kann
ma bei kem Hutmacher finne, un wann'r die greſcht
Auswahl hott. D'r Herr Alterthumsſammler uff'm
Hausacker kennt kee beſſeri Aquiſition mache, als wann'r
unſer Leichedrägerhiet ankaafe, un d'r hiſchtoriſche Merk-
werdigkeit wege ausſchtelle dhät. Do ſinn Hutfaſſoone
dabei, die ma vielleicht ſchun im Johr eens nooch
Kriſchti Geburt gedrage hott. Zum Wenigſchte reprä-
ſendire die fufzeh Hiet vun unſere Leichedräger e Zeit-
alter vun ſuſzeh Johrhunnert! Jch bedracht mer ſe
oft mit'm greeſchte Jndreſſe. Zeit un Mufe dazu kann
mer ſehr oft finne. Ma derf ſich norr an e Drauer-
haus ſchtelle, in dem die Leichbegleitung uff zwee Uhr
b'ſchtellt is, in Ermanglung des bedreffende Geiſchtliche
odder Kuſchers awer oſt erſcht um vier Uhr abgehn
kann. - Ferner fallt mer bei der Leichedrägermäntl-
lifferung ein, daß die Schtadt aach emvol in de Beitl
greife eunt for e neii Feierwehrbekleidung. 's werd
kalt, ihr Feierwehrmänner! Es friert eem orndlich,
wann ma eich alleweil noch mit eiere leinene Kittl iwer
die Gaß ſchbringe ſieht. Jhr opfert eier Wohl un
G'ſundheit for di Schtadt uff, folglich kennt die Schtadt
aach for eich emool e kleen Opfer bringe. Wann die

Während der nächſten Tage nach den erzählten Vor-
fällen ſollte Heinz, ſo brennend auch die Begierde ihn
heherrſchte, das ihn überwältigende Geheimniß vollſtän-
dig aufgeklärt zu ſehen, doch auch noch anderweit ſo ſehr
n Anſpruch genommen werden, daß ſein Dichten und
Trachten ſich nicht einzig und allein auf die von dem
Alten zu erwartenden Entdeckungen richten konnte, und
es genügte ihm vor der Hand, wenn ihm, bei ſeinem
täglichen Nachfragen in der Bettlerherberge, Matthias
den Bejcheid gab, daß es beſſer ſtehs mit dem Ziligar,
und daß er binnen Kurzem werde mit ihm reden
können. -
Heinzens unperſöhnlicher und tödtlicher Haß gegen
den Adel flammte wilder als je in ihm auf, und die
Ereigniſſe in Thüringen und an der Grenze des Eichs-
feldes hatten ſich bereits für die "armen Leute" ſo gün-
ſtig geſtellt, daß er eine glänzende Befriedigung ſeiner
Racheluſt ſicher vorausſehen konnte. Jngrimmige Freude
durchzuckte bei dem Gedanken an das bevorſtehende
Verderben des Adels die Bruſt des Vagantenkönigs
und dunkel ſchwebte es ihm vor, daß der Schimpf, den
die Freiin ihm mit dem "Hundsblut" angethan, ein
wahrer Schatz für ihn ſei, zu glänzender Befriedigung
loading ...