Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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koſend ſtrich er die dichten braunen Locken von der
Stirn der Geliebten, und küßte die ſchönen Augen,
welche ihm in treuer hingebender Unſchuld entgegen-
leuchteten. Nie war Dora ſo ſchön geweſen, als eben
jetzt, in dieſem ernſten Augenblicke, wo Schmerz und
geträumtes Seelenglück, glänzendes Hoffen und banger
Zweifel ihr Herz beſtürmten.
"Oh, ſage es mir nur noch einmal," bat Dora,
nach langer Pauſe, "daß Du mich immer ſo lieben
wirſt wie jetzt, wie in den Tagen unſerer Kindheit,
unſerer Jugend! Sage es mir noch einmal, daß Du
mein biſt, mein für ewig; daß ich auf Dich rechnen
könne in Freude und Kummer, in Leben und Tod!..."
"Dein, Dora, Dein in Leben und Tod," flüſterte
leiſe der Gelicbte, "ſo wahr mir Gott helfe!"
"Dein, ſo wahr mir Gott helfe!" wieder-
holte die Jüdin mit feierlichem Ernſte, und faltete in
gläubiger Andacht die Hände. "Dank, Dank, mein
Eduard," lispelte ſie kaum vernehmbar, und hlickte
mit ſeelenvollem Entzücken in die Augen ihres Gelieb-
ten, welcher ſie die Liebe, die Anbetung und den Glau-
ben an Chriſtus gelehrt. "Ja, ich will ruhig ſein, und
will beten zu der Mutter Gottes, ſie wird uns ſchützen.
Wenn auch allein, werde ich mich dennoch nie einſam
fühlen, denn der neue Gott, an welchen ich durch Dich
glaube, wird ſtets in meiner Seele und Dein Bild in
meinem Herzen leben. Jch zitterte, ſeit ich erſuhr, Du
müßteſt in die große Welt, weit hinaus, in große
Städte, wo Glanz und Reichthum, wie ich aber gehört,
auch Trug und der Abſchaum der menſchlichen Laſter
zu finden ſind. Jch weiß nicht, wie es in einer recht
großen Stadt ausſieht, wo es viel reiche vornehme
Leute, wo es Gelegenheit gibt, in tauſend Vergnügun-
gen die Zeit zu tödten; meine Begriffe von all' dem
ſind unklar. Mein ſeliger Vater wohnte auch in ſolch'
einer Stadt, aber er erzählte nichts Gutes von dem
glanzvollen Leben, welches da herrſchen ſoll. Obwohl
damals reich, ſpäter aber, nachdem er ſich in dieſen
kleinen friedlichen Ort der Hrushka Gora zurückgezogen,
arm, ſehnte er ſich dennoch nie zurück, weder in den
Strudel des Glanzes und der Pracht, noch nach dem
verlorenen Golde. Jch bebte allezeit bei der Frage,
ob das Andenken an Deine ferne Dora genügen werde,
der armen Jüdin Deine Liebe und Dein Herz zu be-
wahren."
Eduard küßte jeden weiteren Zweifel unter neuen
Schwüren von ihren Lippen.
Lange noch ſaßen Beide in dem kleinen Blumen-
gärtchen, welches die ſchöne Dora ſo ſorgfältig pflegte.
Wie vieles haten ſie ſich nicht an dieſem Abende noch
zu erzählen, dem letzten, welchen die Glücklichen für
eine lange Zeit noch beiſammen ſein durften.
Dora war die einzige Tochter einer in dem klei-
nen Orte J...g des Königreichs Slavonien ſeit vielen
Jahren anſäſſigen israelitiſchen Familie. Jhr Vater
kam aus dem fernen Prag, wo gewagte Speculationen
ſeinen Reichthum plötzlich zerſtört hatten, und gründete
mit dene geringen Kapital, welches er aus ſeinem
Schiffbruch gerettet, ein kleines Krämergeſchäft. Die

Ehrlichkeit des alten Jfaak gewann ihm bald die Liebe
und das Vertrauen ſeiner neuen Umgebung, ſeiner
fremden Glaubensgenoſſen, und obwohl in einem Lande
wohnend, wo ſich die verſchiedenen zuſammengewürfel-
ten Religionen ziemlich feindlich gegenüber ſtanden,
gelang es ihm doch, alle Vorurtheile ſeiner Umgebung
zu beſiegen, und binnen kurzer Zeit hatte man ver-
geſſen, daß der alte grundehrliche Jſaak ein Jude ſei.
Jſaak ſchloß ſich von den Zirkeln ſeiner chriſtlichen
Umgebung keineswegs aus, welche ängſtliche Abſonde-
rung ſeinen meiſten Glaubensgenoſſen ſo eigen iſt und
und hauptſächlich den Grund zu einer allgemeinen Miß-
achtung bildet; er begriff ſeine Stellung, und oft
folgte er freundlichen Einladungen, um an einem Feſte
Theil zu nehmen, das zu Ehren eines katholiſchen
oder griechiſchen Heiligen gefeiert wurde, wenn ſeine
Ehehälfte, die alte Rebecca, zu ſo ketzeriſchem Unter-
nehmen auch kein beſonderes freundliches Geſicht machte.
An manchen Schabes-Abende ſaßen auch einige
chriſtliche Freunde an Jſaak's feſtlich geſchmücktem
Tiſche und nahmen mit Freuden Theil an dem kleinen
Feſtmahle, und die kleine ſchöne Dora, welche bald
Dieſer, bald Jener auf der Straße abfing und lieb-
koſte, verirrte ſich ſogar manchmal mit einem ihr be-
ſonders lieb gewordenen Geſpielen, mit dem kleinen
ſchwarzlockigen Eduard D....z in die katholiſche Kirche.
Eduard hatte früh ſeine Eltern verloren und ſeit
mehreren Jahren ſorgten Onkel und Tante für den
verwaiſten Kleinen. Der Onkel, ein geſcheidter Herr,
welcher ſich durch eine kleine Apotheke und einigen
Weinhandel ein für die Landesverhältniſſe bedeuten-
des Vermögen erworben hatte, lebte blos ſeinem Nef-
fen und hatte denſelben zum Nachfolger im Geſchäfte
beſtimnt; die alte Tante aber machte es ſich zur ſtren-
gen Pflicht, ihrem Lieblinge Herz und Seele für den
Heiland zu öffnen.
Das gleiche Alter von Dora und Eduard, ihr glei-
ches Fühlen und Denken, die Vorliebe zu gleichen Spie-
len und Beſchäftigungen führte bald die kleinen Nach-
barn näher zuſammen. Jn kurzer Zeit umſchloß die
Beiden ein inniges feſtes Band, wie es oft unſchuldige
Kinderherzen vereint.
Eduard brachte ſeiner kleinen, täglich ſchöner wer-
den Freundin die erſten Wald- und Wieſenblumen,
das erſte reife Obſt gehörte ihr, und wenn er es auch
manchmal in dem Garten eines Zweiten ſtehlen mußte.
Mit Gefahr erſtieg er oſt die höchſten Bäume in dem
nahen Walde, um ſeiner Dora ein zierliches Neſt mit
ſchönen ſcheckigen Eiern oder kleinen zwikſchernden
Vögeln zu bringen. Bat ihn dann die kleine Freun-
din mit thränefeuchten Angen, doch die lieben Vögel
wieder hinzutragen, weil die Eltern der unglücklichen
Thiere troſtlos ſein würden, ſo folgte er willig, küßte
ihre großen braunen Augen, und flehte herzinniglich,
nur nicht zu weinen, denn er habe ihr damit eine
Freude zu machen geglaubt.
"Heute gehen wir iu die Kirche," flüſterte Eduard
manchmal ſeiner kleinen Geſpielin zu; "es iſt eine
ſchöne große Meſſe und der alte Herr Pfarrer wird
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