Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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armen einſammen Dora wurde in dem Herzen des von
neuem Glücke Berauſchten immer formloſer und licht-
leerer. Er hatte ja die ketzeriſche Jüdin zur Chriſtin
gemacht, hatte der Heidiu den Weg zum Himmel und
zur ewigen Seligkeit geöffnet, und damit ſchien ſeine
Aufgabe beendet.
Die neugetaufte Jüdin, die ferne Emilie, das
Glück ſeiner Kindheit, das Jdeal ſeiner Jugend, war
in ſeinem Herzen zum unbeſtimmten Bilde eines Som-
mernachtstraums geworden. Glänzende Unterhaltungen,
Bälle, Theater, Alles forderte Geld. Sein Onkel war
todt. Eduard ſtand in trüben Gedanken verſunken in
ſeinem Zimmer. Geld, Geld, mußte er haben, und
da dachte er wieder an die arme ferne Dora. Sie
betrieb das von ihren Eltern hinterlaſſene Geſchäft und
hatte ihm kürzlich geſchrieben, daß es ihr recht gut
gehe. Nebenbei ſprach ſie die Hoffnung aus, daß ſie
im Stande ſein werde, ihm bei ſeinex Rückkehr nach
Verkauf ihres kleinen Ladens nahezu an 2000 Thaler
einzuhändigen, womit er den Grund zu einem neuen
Unternehmen werde legen können.
"Geld! Geld!" murmelte der junge verirrte Mann
und preßte die brennend heiße Stirn gegen die kalten
Tafeln ſeines Fenſters. Außen jagte der Schnee durch
die mit Menſchen gefüllten Straßen und die dunkeln
Schatten der Nacht ſenkten ſich langſam auf das große
reiche Peſth. Die melodiſchen Klänge einer Harfe ſchlu-
gen an das Ohr des in trübe Gedanken Verſunkenen,
eine wohlklingende Fraunſtimme ſang ein leiſes me-
lancholiſches Lied. Eduard lauſchte. Ein ſeltſames
Lächeln überflog die verſtörten Züge des düſtern Träu-
mers. Jda ſang, die ſchöne reiche Jda, ſeine Braut!
"Jch muß Geld haben," murmelte leiſe der junge
Mann vor ſich hin und preßte krampfhaft die Hände
in einander. "Jch kann es ihr ja ſpäter wieder zurück-
geben; ſie liebt mich und wird mir wohl verzeihen,
wenn ich ſie einmal betrüge. Betrüge!" wiederholte er
nach einer ängſtlichen Pauſe, als erſchrecke er vor ſei-
nen eigenen Gedanken. "Doch ich muß ja!" fuhr er
fort. "Jch habe keinen andern Ausweg. Schon in
dieſem Monate ſoll die Verlobung ſein, da brauche ich
nothwendig Geld! Jn drei Monaten bin ich reich,
dann wird Alles gut gehen."
Vier Monate waren ſeit dieſem Abende, vier und
ein halbes Jahr ſeit Eduard's Abreiſe aus J...g ver-
floſſen. Emilie ſaß einſam in ihrem kleinen Stübchen.
Die Kerze auf dem Tiſchchen, auf welchem ein kleines
Crucifix und ein Gebetbuch lagen, war tief herabge-
brannt und warf einen matten Schein auf das bleiche
Antlitz der Beſorgten. Kummer und das Vorgefühl
eines mit Sturmesſchritten nahenden Unglücks hatten
auf dem Antlitz des ſchönen Mädchens tiefe Linien ge-
zogen, hatten die Roſe, wenn auch nicht geknickt, doch
erbleichen gemacht.
Eduaxd's letzte Briefe waren zwar voll zärtlicher
Worte, voll Liebe und der Hoffnung eines bald kom-
menden Glückes; aber er brauchte Geld und immer
Geld. Emilie hatte ihm in kurzen Zwiſchenräumen all'
ihre kleinen Erſparniſſe geſandt, doch dieſe genügten

nicht. Sie hatte Schulden gemacht, ſie befriedigte fort-
während die dringenden Bitten ihres Geliebten, und
noch neulich ſchickte ſie ihm eine bedeutende Summe,
deren er, wie er ſchrieb, nothwendig bedürfe, um nach
S..... zu reiſen, wo er das Geſchäft des Herrn Bahr
übernehmen wolle.
Wochen waren ſeitdem dahin geſchlichen; Emilie er-
hielt ſeit ihrer letzten Geldſendung, welche das arme
Mädchen nur mit äußerſter Noth hatte auftreiben kön-
nen, keine Briefe mehr. Plötzlich verbreitete ſich im
Orte die Nachricht, Eduard D.. z, der Neffe des ver-
ſtorbenen Apothekers Lorenz, ſei aus Peſth kommend
in S... angelangt, habe das Geſchäft des Herrn Bahr
angetreten und werde die Tochter ſeines ziemlich rei-
chen Prinzipals heirathen.
Dies war mehr als ein Blitz aus heitern Wolken
Jeder Tag brachte dem verlaſſenen Mädchen neue Qua-
len, jede Stunde neues Wehe. Wirre, formloſe Schreckens-
bilder durchſtürmten ihren brennend heißen Kopf und
je beſtimmter die Nachrichten über ihr Unglück waren,
deſto grellere Schattirungen bekamen dieſe Bilder. Hoff-
nung und Glaube waren aus ihrem gebrochenen Her-
zen gewichen, nur die Liebe lebte noch, die Liebe, die
Vergifterin! Angſt- und ſchmerzdurchzuckt betete das
Mädchen halbe Nächte, und ſenkte ſich dann auch der
Strahl eines gewiſſen Friedens, einer leiſen Hoffnung
in ihre bis in die innerſten Tiefen erſchütterte Seele,
ſo ſcheuchten wieder böſe Träume den Schlaf von ihren
durch Thränen glanzlos gewordenen Augen. Die Wan-
gen, noch vor wenig Wochen ſo voll und roſig, hatten
ihre Friſche verloren und wurden bleich und bleicher.
Viele Briefe hatte die Arme in dieſer Zeit des Schmer-
zes au Eduard geſchrieben, aber keine Antwort erhal-
ten. Dieſes Schweigen war für ſie der Tod. Die
marternde Ungewißheit preßte ihr immer krampfhafter
das Herz zuſammen, erfüllte ſie mit wachſendem Ban-
gen, mit ſtündlich peinlich werdender Angſt.
Sollte er wirklich ſeine Dora vergeſſen haben? Der
Gedanke war mehr als ſchrecklich, und wenn derſelbe
in trüben Augenblicken zur halben Gewißheit im Her-
zen der Geängſtigten und ſie dann im Gebet Troſt ſu-
chend vor den Bildern auf die Knie ſank, deren Be-
deutung und Anbetung ſie Eduard gelehrt, dann ſchrak
ſie wie vor einem Verbrechen zuſammen, denn ein Lüg-
ner konnte nur die Lüge lehren. Lebhaft ſah ſie wie-
der die am Todtenbette zürnende Mutter, angſtdurch-
bebt bedeckte Emilie dann das bleiche, von Thränen
überfluthete Antlitz mit ihren Händen und hätte wie-
der zu dem Gotte ihrer Väter beten mögen, dem ſie
mit heiligen Schwüren längſt entſagt, den ſie ſo keck
verleugnet.
Wochen waren wiederum verfloſſen. Der Seelen-
zuſtand der Einſamen wurde immer krankhafter und
auf die Gefahr hin, ein raſches, trauriges Ende zu
finden, reifte in ihr der Entſchluß, ſich Gewißheit zu
verſchaffen. Sie wollte nach S., dort weilte Eduard,
dies war gewiß. Sie wollte zu ihm und ... doch nein,
dies war ein zu entſetzlicher Gedanke; Eduard konnte
unmöglich ſeine Dora einer Zweiten zum Opfer gebracht
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