Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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tel gebettet, das ſchöne blaſſe Haupt auf etwas Reiſig
geſtützt.

Die Kugel hatte ein lebensmüdes Herz gut get roffen
die Arme hatte bereits ausgerungen. Das Blei war
barmherziger geweſen als das Herz des Elenden, wel-
chen Emilie geliebt.
Die neue Trauerbotſchaft hatte in der Stadt neues
Aufſehen erregt. Obwohl ungekannt, hatte das trau-
rige Schickſal der armen Emilie allgemeine Theilnahme
erregt, denn aus den vorgefundenen Briefen ſtellte ſich
ſo Manches heraus, was bis dahin ein Geheimniß ge-
weſen. Emilie war jedenfalls ruhig geſtorben; auf dem
Antlitz der Verblichenen lag der Ausdruck eines ernſten
Friedens. Jhr Haupt hatte die Todte mit einem fri-
ſchen Myrthenkranze geſchmückt und die Hand, welche
dem Leben und dem Schmerze eine gewaltſame Schranke
geſetzt, hatte nicht gezittert. Die Kugel war mitten
durch das Herz gedrungen.
Auf einige Schritte von der Leiche fand man eine kurz-
läufige Piſtole, in der linken feſtzuſammengepreßten Hand
hielt ſie ein Gebetbuch und ein kleines Metallkreuzchen.
Auf dem erſten Blatte des Buches ſtanden die Worte:
"Meiner herzlichgeliebten Dora! J.....g, am 10. Juli
18.. Jhr bis in den Tod getreuer Eduard D.....z."
Alſo zehn Jahre vorher! Nebſtdem fand man einen
Brief an ihre Pflegerin, Frau Thomich, worin ſie der-
ſelben in den herzlichſten Ausdrücken mit kindlicher
Liebe für die ihr zu Theil gewordene Sorgfalt dankte.
Emilie bat, man möge ihr verzeihen, wenn ſie den
Tod einem qualvollen, liebeleeren Leben vorgezogen.
Beſtimmt ſprach die Unglückliche die Hoffnung auf die
Barmherzigkeit des Ewigen aus und ſchloß mit der
Verſicherung, daß ſie zwar unglücklich, aber dennoch
ruhig und entſchloſſen ſterbe, überzeugt, daß die Gnade
des Himmels ſelbſt denen zu Theil werde, welche dies-
ſeits ſtraucheln und fallen. Eduard's ward mit keiner
Sylbe in dem langen Briefe gedacht. Verachtung und
weiblicher Stolz würdigten den Betrüger keines Wor-
tes. Hatte die Sterbende ihre Rache dem Himmel
überlaſſen?
Diesmal übte ſelbſt das ſtrenge Kirchengeſetz Gnade.
Der in dem nahen D...r wohnende katholiſche Biſchof
hatte die Beſtattung der Unglücklichen auf geweihter
Erde ausnahmsweiſe erlanbt. Jn wenigen Stunden
hatte ſich eine zahlreiche Geſellſchaft aus Studenten und
ſonſtigen jungen Männern und Damen gebildet. Reich-
liche Geldmittel floſſen von allen Seiten und mit gro-
ßem Gepränge, von Tauſenden begleitet, wurde die
arme Emilie mit einem Glanze zur Ruhe beſtattet, wie
er ſeit undenklichen Zeiten in S.. .... nicht geſehen
worden.
Und was ging in Eduard vor in jenen Minuten
als die Kirchenglocken mit ihrem ernſtfeierlichen Ge-
läute die durch ihn Gemordete zu ihrer letzten Ruhe-
ſtätte begleiteten? ...


Leben, ihr Fortbeſtehen erblicken, und ſobald dieſe zer
trümmert, die Verweſung einem Daſein voll dunkler
peinlicher Rückerinnerungen voziehen.
Wie geſagt, ein Sonntag war gekommen, und Emi-
lie ſaß in ihrer Stube im weiten, faltigen Gewande
deſſen blendende Weiße mit ihrem bleichen Geſichte in
ſonderbarem Einklange ſtand. Ein tiefer Ernſt, de
Anflug einer unbeugſamen Entſchloſſenheit, lag au
ihrem noch immer engelſchönen Antlitz, und mit em
ſigem Fleiße flocht ſie an dem Gewinde ihres ... Tod
tenkranzes. Der dunkle formloſe Gedanke war zun
ſchrecklichen Entſchluß in ihrer Seele gereift. Das Le-
ben hatte ihr nichts mehr zu bieten und im Tode er-
blickte ſie das Ende ihrer namenloſen Pein.
Die Sonne ging zur Ruhe; fröhlich wogte eine
lachende, ſchäkernde Menge durch die Straßen von S..
und belebte die rings um die Stadt liegenden Obſt-
und Weingärten Eine hohe ſchlanke Frauengeſtalt
trat eiligen Schrittes durch die halb geöffnete Thür
des Friedhofes. Ein faltiger ſchwarzer Mantel deckte
das weiße leichte Gewand der Fremden, welche ihr
Antlitz mit einem dichten dunkeln Schleier verdeckt
hatte. Es war Emilie.
Mit tiefer Andacht betete ſie lange in der kleinen
offenſtehenden Kapelle des Gottesackers, ſie betete noch-
mals zu dem Gotte, dem Eduard ſie zugeführt, aber
dieſer Glaube war wankend wie ihr Lehrer geworden;
und die Zweiflerin ging dem Tode entgegen!
"Sieh nur, Anton, wer iſt denn die Dame, die
da drüben im Friedhofe in den Graben hinabſteigt?"
fragte ein feingekleideter Mann ſeinen Nachbarn wel-
cher wie der Frager zu den Lebensluſtigen einer kleinen
Geſellſchaft gehörte, die in einem an den Friedhof an-
grenzenden Weingarten unter ſchattigen Kaſtanienbäu-
men den Abend zu verbringen beſchloſſen hate.
"Die kenne ich nicht," erwiederte der Gefragte ohne
aufzublicken, und ſtreichelte die blonden Locken einer
Schönen, welche neben ihm im Graſe ſaß und ſich mit
ſtillem Wohlbehagen feſter an ſeine Bruſt ſchmiegte.
"Du wirſt mich immer lieben," lispelte die kleine
Blonde; "nicht wahr, mein Anton?" und küßte ver-
ſtohlen die Wangen ihres Geliebten.
"Jmmer, immer, Anna!" flüſterte eben ſo leiſe der
Gefragte. "Kannſt Du zweifeln an meiner Liebe?"
Anton küßte ſchweigend die kleinen, weißen Hände
ſeiner Freundin.
"Auf das Wohl unſeres ſchönen Brautpaares!" rief
einer der Anweſenden ſein Glas ergreifend.
Klirrend ſtießen die Gläſer an einander. Da fiel
ein Schuß, und das letzte Ach, der letzte Schmerzens-
ruf eines ſcheidenden Menſchen klang mit zu denen her-
über, welche ſich hier des Lebens und der Liebe freuten.
"Es iſt ein Unglück geſchehen!" rief der erſte Red-
ner, von einer furchtbaren Ahnung ergriffen. Sein
Glas auf den Boden werfend, ſtürzte er an den nie-
dern Heckenzaun, welcher mit einem tiefen Graben den
Weingarten vom Friedhofe trennte. Ein leichter Pul-
verdampf hob ſich aus dem Graben und unten lag ein
weißgekleidetes Marmorbild auf einem ſchwarzen Man-

(Schluß folgt.)
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