Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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burt, das Mißgeſchick, welches meinen Vater verfolgte,
machte ihn mürriſch, einſylbig und unzufrieden, Sie
können denken, daß ich den Druck dieſer Verhältniſſe
empfinden mußte. Jch kam zu einem Kaufmann in
die Lehre, ſuchte und fand Gelegenheit, Tüchtiges zu
lernen, blieb nach abgelaufener Lehrzeit noch zwei Jahre
in dem Hauſe meines Prinzipals, ging dann nach Ant-
werpen und kehrte vor vier Monaten von dort zurück,
um am Sterbebette des Vaters meine letzte, bittere Kin-
despflicht zu erfüllen. Er gab mir einen Empfehlungs-
brief an den Kaufmann Johann Philipp Steinborn in
Cöln mit dem Bemerken, dieſer Mann ſei ſein Jugend-
freund, er werde ſich meiner annehmen. Jch ſandte
nach der Beerdigung den Brief ab und erhielt die
Antwort, der Poſten des Buchhalters ſei erledigt, wenn
mir derſelbe zuſage, könne ich ihn haben."
"Jch wünſche Jhnen Glück zu dieſem Engagement,"
ſagte der Rentner. "Steinborn iſt ein tüchtiger Kauf-
mann, ſeine Firma erfreut ſich eines guten Rufes."
"Sie kennen ihn perſönlich?" fragte der junge Mann.
"Jch treffe ihn nur dann und wann in unſrer
Abendgeſellſchaft. Er ſoll ein Kleinigkeitskrämer ſein,
ein Egoiſt vom reinſten Waſſer. Sein einziges Töch-
terchen, die hübſche Emma, beſucht fleißig die Concerte
und Bälle, nun, Sie weroen ſie näher kennen lernen.
Lügt das Gerücht nicht, ſo iſt ſie eine jener ſpröden
Schönen, die ſo lange mäkeln und kritiſiren, bis die
Freier ſammt und ſonders davongegangen ſind. Sie
wird der Zauber ihrer dunkeln Augen nicht beſtricken,
die Kleine auf dem Dampfboot hat Jhnen zu tief in's
Herz geblickt."
"Sie werden dies nicht mehr glauben, wenn Sie
vernehmen, daß jene Kleine die Tochter deſſen iſt, der
meinen Vater in's Unglück ſtürzte. Jch würde das
Andenken an den Todten ſchänden, wollte ich die Toch-
ter deſſen, der ſein Elend verſchuldete, zum Altar
führen."
Der Rentner ſah überraſcht auf. "Sonderbares
Zuſammentreffen!" erwiederte er. "Aber wer weiß,
gerade dieſe Begegnung kann" -
"Reden wir nicht weiter darüber!" fiel Friedrich
ihm in's Wort. "Jch kann mich verleiten laſſen, mei-
nen Grundſätzen untreu zu werden, aber nur an die
Möglichkeit zu denken, daß ich mit dieſem Manne
Freundſchaft, oder gar einen engeren Bund ſchließen
könne, wäre Thorheit; ſtets wird das Bild meines
Vaters zwiſchen ihn und mich treten."
Der Rentner ſchwieg, er hielt es ſür beſſer, der
Zeit die Milderung dieſer ſchroffen Anſichten zu über-
laſſen. Friedrich äußerte den Wunſch, noch an dem-
ſelben Abend eine Wohnung zu miethen und war er-
freut, als er vernahm, daß im Nebenhauſe ein hübſches
Zimmer leer ſtehe. Er ſchloß die Miethe ab und be-
gleitete den alten Herrn in deſſen Abendgeſellſchaft,
wo die Stunden bis Mitternacht ihm raſch ſchwanden.
(Fortſetzung folgt.)

ſem Schlage erholt, während ſein Aſſocie Andreas Hecht
jetzt das bedeuteoſte Weingeſchäft am Rheine beſitzet.
Was die Urſache des Falliments geweſen iſt, blieb ge-
heim, nur mir vertraute der Vater auf dem Sterbe-
bette das Geheimniß. Mein Vater befand ſich während
dem größeren Theile des Jahres auf Reiſen, er be-
ſuchte die Kundſchaft und kaufte den Wein ein, während
Hecht dem Comptoir vorſtand. Die Bilanz ergab Jahr
füir Jahr einen ziemlich bedetenden Ueberſchuß, mein
Vater ſetzte blindes Vertrauen in den Freund und be-
gnügte ſich mit den Zahlen, welche jener ihm vorlegte.
Auch entſprach dieſer Zuwachs ſeinen ungefähren Be-
rechnungen, ein Grund mehr, ihn von der Einſicht in
die Bücher abzuhalten. Ein ausgezeichnetes Weinjahr
veranlaßte meinen Vater, bedeutende Vorräthe einzu-
kellern. Jn dem Glauben, eine gute Speculation zu
machen, kaufte er ungefähr das Dreifache gegen frühere
Jahrgänge. Seine Calculation erwies ſich aber inſo-
fern falſch, als er zu früh und deshalb zu theuer ge-
kauft hatte. Der Preis fiel, die Vorräthe mußten, um
neuen Weinen Platz zu machen, mit Schaden verkauft
werden. Der Verluſt war, im Verhältniß zum Fond
des Geſchäfts kein ſehr bedeutender, ein guter Herbſt
glich ihn wieder aus. Da erklärte Hecht plötzlich, die
Mittel ſeien erſchöpft, die Wechſel, welche in den näch-
ſten Tagen fällig wurden, könnten nicht gedeckt werden.
Mein Vater hielt dies für Scherz; bald ward ihm die
traurige Gewißheit klar. Aus den Büchern ergab ſich,
daß das Vermögen, welches die Bilanz nachwies, aller-
dings vorhanden geweſen war, Hecht aber für ſeine
Privatbedürfniſſe ſo enorme Summen aus dem Geſchäfte
genommen hatte, daß die Giäubiger nicht mehr befrie-
digt werden konnten. Um die Ehre der Firma zu
retten, wurde jene verfehlte Speculation vorgeſchoben
und es gelang den raſtloſen Bemühungen meines Va-
ters, einen Accord zu zwanzig Procent abzuſchließen.
Hecht konnte ſich über den Verbrauch des Geldes nicht
ausweiſen, durch Zufall erfuhr mein Vater, daß ſein
Aſſocie das Hazardſpiel leidenſchaftlich liebte; das Räth-
ſel war gelöſt. Was nutzte es, daß er ihn im aufwal-
lenden Zorn einen Schuft, einen Spitzbuben nannte?
Das Geſchehene änderte er dadurch nicht. Hecht reiſte,
ſobald die Gläubiger befriedigt waren, ab, zwei Jahre
ſpäter hatte er ein neues Geſchäft etablirt." -
"Eins der bedeutendſten Weingeſchäfte in unſerer
Provinz," fiel der Rentner ihm in die Rede. "Man
ſagt, Hecht ſei ein reicher Mann, ich zweifle nicht, daß
er ſein Unrecht gegenüber Jhrem Vater wieder gut
gemacht hat."
"Mein Vater nahm kurz nach dem Falliment eine
Reiſeſtelle an," fuhr der junge Mann fort, "er ſah
ſeinen früheren Aſſocie nie wieder. Jch entſinne mich,
daß einmal ein Brief von Hecht eintraf; kaum hatte
mein Vater einen Blick auf die Adreſſe geworfen, als
er auch den Brief dem Poſtboten mit dem Bemerken
zurückgab, er nehme denſelben nicht an. Ob Hecht da-
rin eine Annäherung verſucht hat, ob er den Vorſatz
hegte, die veruntreute Summe zurückzuerſtatten, weiß
ich nicht. - Meine Mutter ſtarb bald nach meiner Ge-
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