Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 25.1914

Seite: 287
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I

XXV. JAHRGANG.

DARMSTADT.

1UL1 1914.

DAS LANDHAUS KAREOL IN AERDENHOUT

EIN HOLLÄNDISCHER LANDSITZ. BESITZER: I.C.BUNGE.

Holland, das Land der Blumen und der Gärten.
Alle Welt weiß von den Tulpenfeldern, die
alljährlich im Frühling die Erde um Haarlem
flammen und leuchten machen. Und dieser Sinn
für die Blumen verbindet sich mit einem Sinne
für Garten und Haus, der in Holland allenthalben
eindrucksvolle und feine Verbindungen von Land-
schaft und Menschenwohnung hervorgebracht hat.
Vornehme kleine Landsitze trifft man da überall
in der Umgebung der Städte, auch weiter hinein
im flachen Lande, und immer ist es eine ein-
drucksvolle Benachbarung von gepflegter Natur
mit einem sauberen, feingliedrigen Baukörper, in
dem schon ein Hauch englischer Hausstimmung
zu spüren ist. Auch in den großen Städten und
in den kleinen Badeorten, soweit diese nicht ge-
schmacklos internationalisiert sind, zeigt Hollands
Baukunst Bemerkenswertes, zum mindesten sehr
Charakteristisches und Stimmungsvolles. Einige
Straßenbilder in Amsterdam und Rotterdam wie-
derholen sehr glücklich das Motiv des schmalen,
hochgiebligen und großfenstrigen Stadthauses aus
dunklem, hell verfugtem Backstein. Im Haag
gibt es eine Architektur von heller, stiller Heiter-
keit, Baukunst einer vornehmen, etwas schläfrigen

Residenz; und die kleinen Badeorte haben einen
ganz reizenden, etwas spielzeughaften Typ von
sommerlich-improvisierter Architektur entwickelt,
die vortrefflich zu hellem Meersand und nied-
lichen kleinen Gärtchen paßt. Mit einem ein-
zigen Blick erfaßt man diese netten zierlichen
Behausungen, auch das Innere, das sich nicht
wie bei uns abschließt und verkapselt. In dem
einen Punkte scheint Hollands Wohnungsbau ent-
schieden von dem unsrigen abzuweichen: in dem
viel geringeren Raumbedürfnis. Der Deutsche
und, mit einigem Abstände, der Engländer stellen
in Beziehung auf den Raum bei ihren Wohnungen
die größten Ansprüche. Fast alle anderen Völker
sind eher geneigt, sich mit dem Unentbehrlichen
an Raum zu behelfen; vorbildlich dafür und von
vielen Deutschen bemängelt ist die Raumknapp-
heit von Paris, die nicht nur im Grundriß der
Häuser und Räume, sondern bei jedem Stuhle,
bei jedem Schreibtische und jedem Küchenherd
fühlbar wird, auch bei den Sitzreihen fast aller
Theater. Das urkräftige, raumvergeuderische Be-
hagen, aus dem z. B. der amerikanisch-deutsche
Klubsessel hervorgegangen ist, ist anderwärts in
dieser Weise nicht bekannt. Lokale Verlegen-

19U. VII. 1.
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