Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 25.1914

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INNEN-DEKORATION

prof. emanuel v. se1dl-m0.nchen. ecke eines waschraums. wand mit fliesenverkleidung. holzwerk weiss

VOM RHYTHMUS UNSERER ZEIT. Es scheint
berechtigt, die Bezeichnung Rhythmik auch für
die bildende Kunst in Anspruch zu nehmen, wenn man
geneigt ist, sie nicht als etwas Starres, sondern als etwas
organisch Lebendiges aufzufassen. . . . Wir empfinden
einen anderen Rhythmus in unserer Zeit als in einer
der vergangenen. So ist es auch eine rhythmische Auf-
fassung, wenn wir sagen, daß unsere Zeit schneller dahin
eilt, als die unserer Väter. »Nichts ist ordinärer als Eile«.
Dennoch eilen wir alle. Der Grund hierfür ist materiell
nicht zu erklären. Auch die früheren Zeitalter hatten
große Aufgaben zu erfüllen. Auch unser menschliches
Lebensalter ist so lang wie die in früheren Jahrhunderten
waren, es liegt also eigentlich kein Grund zur Über-
stürzung vor. Die Hast ist durch den Rhythmus
unserer Zeit bedungen und psychischer Ursache. Sie

ist eine elementare Grundlage unseres Schaffens, aber
sie wurde noch nicht zur kunstgemeisterten, kulturellen
Form. Wir sind noch nicht mit ihr fertig geworden:
für unsere Lebensart ist noch nicht die veredelte Lebens-
form gefunden. Es handelt sich jetzt darum, eine ernste
und entschlossene Stellungnahme zu den Anforderungen
unserer Zeit zu nehmen. Es ist müßig, sich über das
Plakathafte aufzuhalten, aber ein Kulturfortschritt, die
schreienden Farben und bizarren Linien harmonisch zu
ordnen. Es ist philiströs, den schnellen Wechsel der
Mode zu verachten, aber klug, den volkswirtschaftlichen
Nutzen, der durch die Abwechslungsfreude gegeben ist,
zu erkennen und diese zu genießen. Die neue Zeit stellt
neue Aufgaben an die Kunst, die zu einer einheitlichen
großen Erfüllung gelangen, wenn wir die rhythmische
Schönheit dieser Zeit erkennen. . . peter Behrens.
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