Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Erbach — Darmstadt, 1891

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KREIS ERBACH

eines mit dem Dreizack bewehrten Neptun in zweidrittel Lebensgrösse. Die Statue
ist plastisches Mittelgut, entbehrt aber nicht des der Epoche eigenthümlichen
pathetischen Zuges. Auf dem Podium erscheint das Wappen Erbach-Breuberg und
die Jahrzahl 1743. Das fünftheilige Wasserbecken besteht aus Buntsandstein mit
modernen Eisengussverzierungen.

BEFESTIGUNG

Wehrmauer Die alte Befestigung des Städteis ist in mehreren Ueberresten erhalten, die sich

und Thürme

der Reihe nach am besten verfolgen lassen, wenn der Beschauer den Ausgangspunkt
in der Nähe des Rathhauses am Mümlingufer nimmt, wo der nordwärts ziehende
Theil der Ringmauer mit dem Stumpf eines Wehrthurmes beim sogen. Anhang
beginnt. Von dem nächstfolgenden Thurm wurde bereits bemerkt (s. o. S. 48),
dass sein Untergeschoss mit der Stadtkirche in Verbindung gebracht ist und als
Sakristei dient. Von hier aus lief die Beringung dem Flusse entlang bis zur jetzigen
Brücke, wo die Mauer sich gegen West wendet. Auf diesem Zuge haben im 18. Jahr-
hundert einige schlichte Wohnhäuser Platz gefunden und der davor liegende Stadt-
graben wurde zu Gartenanlagen eingeebnet. Ueber die Bedeutung des diese Mauer-
tiucht beherrschenden Tempelhauses ist vorhin, bei Besprechung des damit zu-
sammenhängenden Burgsess der Familie Echter von Mespelbrunn, das Nähere ge-
sagt worden. Unfern davon stand das 1591 erbaute, 1834 niedergelegte hintere
Stadtthor, von welchem nur noch geringe Spuren alten Mauerwerkes an den Seiten
des Durchbruches Kunde geben. — An der nun folgenden Südwestecke der Um-

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mauerung hat sich ebenfalls eine Gruppe kleiner Wohngebäude angesiedelt, aus
weicher ein Wehrthurm hervorragt, der vom Schicksal der Zerstörung nur wenig
berührt worden ist und ein ziemlich befriedigendes Bild der ehemaligen Befestigung
darbietet. Das zweigeschossige Gebäude zeigt eine fünfeckige, ungleichseitige Planform
in der Anordnung, dass zwei grössere Mauerflächen nach aussen im rechten Winkel
vortreten (Fig. 58) und die drei kleineren Seiten der Stadt zugekehrt sind. Sämmtliche
Ecken und Kanten bestehen aus kräftigem Bossenwerk. Ein auf viereckigen Konsolen
ruhender Rundbogenfries nebst darüber hinziehendem, tiefunterschnittenem Wasser-
schlagsims umgürtet den Thurm auf halber Höhe und trennt die beiden Geschosse,
welche schon seit dem 16. Jahrhundert als Wohnräume benützt sind. Der theils
mit Schiefer, theils mit Ziegeln gedeckte Thurmhelm ist eine Erneuerung aus dem
18. Jahrhundert. Im südlichen Theil der Befestigung ist ein vortretender Buckel-
quader-Sockel ohne Zweifel als Thurmtorso anzusehen. Von da an setzt sich der
Wehrzug bis zum Kanzleibau fort, wo dann die äussere Schlossmauer die Rolle
der Stadtmauer bis zum Städtelbogen nahe beim Anhang des Rathhauses übernimmt,
von welchem unsere Wanderung den Ausgang genommen.

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