Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Erbach — Darmstadt, 1891

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KREIS ERBACH

XXVII. SCHNELLERTS

UINE, nordöstlich von Reichelsheim, nordwestlich von Erbach gelegen,
auch Schnellert und Snellerts genannt, gehört zur Gemarkung Aff-
höllerbach (1450 fijfholderbach) und ist Eigenthum des Fürsten zu
Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und des Grafen zu Erbach-Schönberg.

Allgemeines Die Geschichte des Schnellerts und seiner ehemaligen Bewohner ist in noch

unaufgehelltes Dunkel gehüllt. Es sind keinerlei ältere urkundliche Nachrichten
darüber bekannt. Manche sind geneigt, den Namen mit der Familie der Edelinge
Schnelle oder Snelle in Verbindung zu bringen, welche mit und ohne den Bei-
namen von Schwanstein (Pfarrdorf im Kreise Bensheim) in Urkunden erscheint.
Die Annahme entbehrt hinreichender Begründung. Um so fester haftet im Gemüth
der Anwohner die Sage vom wilden Jäger, einem auf dem Schnellerts hausenden
Berggeist, von welchem der Volksmund erzählt, dass er beim Ausbruch eines Krieges
in Begleitung tobenden Gefolges, das wilde Heer genannt, von der Ruine nach
der Burg Roden stein ziehe und nach Beendigung der Feindseligkeiten wieder zum
Schnellerts zurückkehre.

Lage Die geringen Ueberreste alten Mauerwerkes, welche den somit mehr durch

die Sage als durch die Geschichte bekannten Namen Schnellerts tragen, krönen
eine Bergkuppe, die aus einer von der Böllsteiner Höhe und dem Dorfe Böllstein
(1454 BeyIstein, 1450 Bilstein und Beilstein) gegen das Gersprenzthal sich hin-
ziehenden waldigen Senkung aufragt, worin die Dörfer Stierbach (1454 in der
Stirbach) und Nieder-Kainsbach (1450 Nydem-Konspach, auch einfach Konspach
und Ranspach) gelegen sind. Noch vor fünfzig Jahren war die Stelle von einem
beträchtlichen, mit starken Buchen bepflanzten Steinhügel überragt. Schon damals
zog die sagenumwobene Behausung des wilden Jägers zahlreiche Wanderer herbei.
In der Folge wurde die Ruine auf Anordnung der hohen Besitzer dem Besuche
zugänglicher gemacht und der Steinhügel abgetragen. Das Bild, welches der Schnellerts
durch diese und spätere Freilegungen gewährt, ist folgendes.

Welirbau Die Bergkuppe umziehen schwache Spuren eines bei Wegräumung des Ge-

steines verschütteten Grabens, der nach aussen von einem Mauerring, sogen. Mantel,
umgeben war, dessen Werkstücke nur noch an wenigen Stellen als Trockenmauer
über den Erdboden ragen, vielfach verwittert und von Schlingpflanzen überwuchert
sind. Innerhalb dieser Umgrenzung erhebt sich in einem Abstand von etwa 7 m
eine in ansehnlicheren Ueberresten erhaltene zweite Ringmauer, die als wohlgefügtes
Vertheidigungswerk erscheint und einen hoch gelegenen, eingeebneten Raum, das
Plateau der Bergkuppe, umgibt. Hier stand die eigentliche Schnellertsveste. Der
Haupteingang des Gesammtwehrbaues lag, dem mit der Burgenarchitektur vertrauten
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