Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Erbach — Darmstadt, 1891

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KREIS ERBACH

Berechtigungen — die Vogtei des Klosters zu Höchst, welches die Dorfgerichts-
barkeit in allen dazu gehörigen Dörfern begriff — 13 14 an das Kloster zu Höchst,
so dass dieses von nun an bis zu seiner Auflösung im Besitze der niederen
Gerichtsbarkeit dieser Dörfer, unter fuldischer Oberlehenshoheit geblieben ist. Das
Kloster, der Jungfrau Maria geweiht, erst dem Augustinerorden angehörig und um
1506 in ein Benediktiner Frauenkloster umgewandelt, hat 1567 noch bestanden,
scheint aber bald darauf eiufgehoben worden zu sein. Die Einkünfte wurden zu
kirchlichen und Schulzwecken verwendet und bestehet der Höchster Klosterfond
noch fort.« (G. W. J. Wagner.) Die Verwaltung des säkularisirten Klosters steht
den Häuptern der Fürstlichen und Gräflichen standesherrlichen Familien von
Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und Erbach-Schönberg zu. Aus den Klostergefällen
wurde der Grundstock für die Schule und Kirche Höchst gestiftet, wozu noch die Orte
Neustadt, Sandbach, Dusenbach, Nauses, Mümling-Grumbach und Hetschbach gehören.

Konventsbau Die Klostergebäude legen sich um zwei geräumige Höfe und bestehen aus

dem Konventsbau, der jetzt als Pfarrwohnung dient, und der ehemaligen Propstei
nebst Altaristenhaus, worin die Klosterverwaltung ihren Sitz hat. An der Aussenseite
des Konventsbaues steht die Jahrzahl 153A über einer Kellerwölbung und die
Jahrzahl 1588 über dem Fensterpaar eines Gelasses, dessen Inneres unter sämmtlichen
Zimmern und Zellen das alterthümlichste Aussehen bewahrt hat. Eine polygone
Holzsäule, welche den Längendurchzug der Balkendecke stützt, und die Fenster-
sohlbank, welche eine weite Nische umzieht, sichern der verödeten und verwahr-
losten Räumlichkeit noch immer das altdeutsche Gepräge. — Auf der Seite des
Klosterhofes trägt der Schlussstein einer Spitzbogenthüre ^—
des Konventsbaues die Jahrzahl 1514 in der Schreibung: l
darunter ein kleines Steinmetzzeichen. — Ebendaselbst 1
treten an mehreren Stellen der Flochwand Tragsteine hervor,
welche das frühere Vorhandensein einer bedeckten Halle
oder eines Kreuzganges wahrscheinlich machen. Hier war auch die vor einiger
Zeit in die Sammlung des historischen Vereines zu Darmstadt überführte Reliefgruppe
eingemauert, welche in primitiven Formen ein phantastisches, löwenartiges Ungeheuer
zeigt, das seine Tatzen auf einen vor ihm kauernden Widder legt.

Refektorium, An den Konventsbau stösst im rechten Winkel das Refektorium, dessen

Portal i • # • # # ••

Eingang den stilistisch wie technisch bedeutendsten Architekturtheil des ganzen
Gebäudekomplexes bildet. Wir sehen ein spitzbogiges Portal (Fig. 82) inmitten
einer rechtwinkligen ornamentirten Umrahmung. Das Material ist bunter Sandstein.

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Struktur wie Einzelformen und deren Durchführung verrathen einen ausgezeichneten
gothischen Meister, welcher bei strengster Betonung des architektonischen Gedankens
das Ornamentale in edler Anordnung geschmackvoll zu verwerthen wusste. Die
scharfe Gliederung des birnförmig profilirten Stabwerkes und der tiefen Hohlkehlen
ist von kräftiger und doch flüssiger Behandlung. Ueber dem Giebelschluss des
Einganges ist die Kehlung des horizontalen Rahmensturzes von vorzüglichem
Blätterwerk in Bossenform durchzogen. Die leichte Schwellung, sogen. Polsterung
der Bossen lässt auf die Entstehung gegen Ende des 15. Jahrhunderts schliessen.
Leider haben die Einzelformen im Laufe der Zeit schweren Schaden erlitten.
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