Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Erbach — Darmstadt, 1891

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MICHELSTADT

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welches ein auf Holzsäulen ruhender Baldachin überragt mit dem Allianzwappen
Erbach-Pfalz und der Jahrzahl 1539. Wappen und Jahrzahl bekunden die
Entstehung des Bautheiles unter Graf Georg I, dienen gleichzeitig aber auch sammt
dem Gebäude, woran sie haften, als Wahrzeichen für die Langlebigkeit der
gothischen Bauformen in der Odenwaldzone zu einer Zeit, wo auf dem nahen
Breuberg die Kunst der Renaissance bereits ihren Einzug gehalten hatte. — Die

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Architekturgruppe war im Süden von einem doppelten Wallgraben umgeben, der
jetzt trocken gelegt und in eine Zieranlage mit Baumpflanzungen umgewandelt ist.

Das Rathhaus ist ein ebenso kraftvoller wie origineller Holzbau der Spät- Rathhaus
gothik. (Fig. 100.) Für die Entstehungszeit
spricht die Jahrzahl 1484, welche auf einem
Holzpfosten des Hauptzuganges in folgenden,
eigenartig gebildeten Ziffern eingeschnitten ist:

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Mit einer offenen Halle an der Stirnseite, zwei
schlanken spitzen Erkerthürmchen an den Ecken
und einer hohen, von einem Giebelreiter über-
ragten Bedachung erhebt sich das Gebäude am
Marktplatz in freier Lage, und bildet mit der Pfarrkirche im Hintergrund, dem
St. Michaelsbrunnen und dem Portal des Gasthofes zum Löwen im Vordergrund
eine der malerischsten Architekturveduten auf weit und breit. Und dem ist so,
obschon das Bauwerk im Laufe der Zeit Vieles von seiner früheren Alterthümlich-
keit und Eigenart eingebüsst hat. Eine in der Rococoära vorgenommene Er-
neuerung, welche durch die Giebelinschrift ANO 1743 WVRDE DAS RATHHAVS
RENOVIRT bekundet wird, konnte bei der damals herrschenden Geschmacks-
richtung und geringen Empfänglichkeit für mittelaltrige Stilarten unmöglich zur
Wahrung des ursprünglichen Kunstcharakters beitragen. Auch die spätere Moaernisirung
der Fenster, sowie der Verlust des aus Verkehrsrücksichten beseitigten zweiten
Erkerthurmpaares brachte der alten Gesammtwirkung schweren Schaden. Im
Inneren hat der Thürsturz über dem Eingang des im Obergeschoss gelegenen
Rathhaussaales sein spätgothisches Gepräge in der geschweiften Spitzbogenform
des sogen. Eselsrückens bewahrt. Der Saal selbst umfasst in seiner Längenaus-
dehnung auch die oktogonen Erkerräume, deren Deckbalken strahlenförmig vom
Centrum ausgehen. In der Mitte des Saales steht eine in schlichten Kämpfer-
formen endigende polygone Iiolzsäule als Stütze einer Flachdecke mit vortretenden
Balkenzügen. Der nagelneue buttergelbe Anstrich der Wände und des Holz-
werkes hat den jetzt monotonen Saal um alle künstlerische Stimmung gebracht.

Der Marktbrunnen ist eine stattliche, wahrscheinlich aus der Zeit Graf Marktbrunnen
Georg II (1548—1605) stammende Schöpfung der Renaissance. (Fig. 101.) Inmitten
eines weiträumigen, oktogonen Beckens mit vertieften Feldern und wuchtig ge-
gliederter Umrandung erhebt sich eine achtseitige Pfeilersäule in einer Höhe von
rund 5 m bis zur Deckplatte des Kapitals. Vier schmiedeiserne, geschmackvoll
ornamentirte Stangen vermitteln die Verbindung zwischen Säule und Becken, aus
dessen Rand sie in schräger Richtung zum Säulenschaft aufsteigen. An den Seiten
des mit bärtigen Groteskhäuptern und Reliefbändern im Metallstil geschmückten
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