Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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liches Haus zu fördern. Als wir dort anlang-
ten, erschien durch ein eigenes Zusammentreffen
unsere alte Großmutter an der Türe, und nach-
dem sie das Gemälde eine Weile betrachtet
hatte, sagte sie zu dem etwas verschämten
neuen Besitzer: „Da hast du ein bewegliches
(rührendes) Bild gekauft, da hast du wohl
daran getan." Das war im Jahre 1804, als
Schlegel über die altkölnischen Malereien schrieb.
Und als daneben, wie Boisseree betont, Arndts
„Geist der Zeit" die größte Wirkung auf ihn
und die Freunde, darunter Bertram, machte!
Die Beschäftigung aber mit den „Kunstalter-
tümern" bot Trost und Erholung in Trüb-
salen: „Ein großer Reiz lag schon darin, den
Kunstwert oder überhaupt nur die Merkwür-
digkeit eines Gemäldes durch die Kruste hun-
dertjährigen Schmutzes hindurch zu erkennen.
Und wie freuten wir uns, wenn wir dann unter
der reinigenden Hand des Restaurators irgend-
einen Kopf oder ein Stück eines schönen blauen,

roten oder grünen Gewandes.....aus dem

dunklen Überzug von Kerzendampf und an-
derem Dunst hervortreten sahen. Wie oft er-
griffen wir selbst den Schwamm, um uns diesen
Genuß schon vorläufig zu verschaffen... (sie!) ...

Betrüblich ist, was von alten Wandmalereien
berichtet wird, die man beim Niederlegen von
Kirchen sehr oft sah: „Man untergrub zu die-
sem Zweck ein paar Pfeiler, stützte dieselben
mit hölzernen Streben, zündete dann die Höl-
zer an und im Augenblick, wo die Pfeiler zu-
sammenbrachen, sahen wir die Kalkdecke von
den Wänden und Gewölben sich loslösen, unter
welcher die bemalten Flächen wie in einem
Blitz hervortraten, um dann für immer zu ver-
schwinden. Es ergab sich oft auch, daß durch
die Erschütterung zugleich die Kalkdecke, die
die alten Bilder bedeckt hatte, von den an-
stoßenden Teilen des Gebäudes herabfiel . . .
Die Wandgemälde, die auf diese seltsame, trau-
rige Weise uns vor die Augen kamen, bestan-
den meist aus einzelnen Figuren auf einfarbig
roten, blauen oder teppichartigen Feldern;
diese Abteilungen folgten in mehreren Reihen
übereinander, die Figuren schienen am häufig-
sten nicht überlebensgroß, selten waren sie in
einer Gruppe oder zu einer Handlung vereinigt."

Um Goethe, der später Stefan Lochners
kölnisches Dombild die „Achse der nieder-
rheinischen Kunstgeschichte" nennt, für seine
Bestrebungen zu gewinnen, läßt er ihm 1808
in Karlsbad durch Schlegel „Moslers Zeich-
nungen altdeutscher Gemälde" empfehlen, wo-
bei ihm Schlegel „franchement" sagte, „es hätten
einige aus der Vorliebe für die alte Malerei
eine Art Sekte und Phantasterei gemacht, das
sey hier gar nicht der Fall, sie (Schlegel und

die Boisseree) wollten nur der Vergessenheit
entreißen, was ohne allen Zweifel in hohem
Grade merkwürdig und zum Teil gewiß auch
künstlerisch vortrefflich sei". In Köln hatte
Sulpiz 1810 die Freude, daß das Dombild
aus „seiner dunklen Gefangenschaft von der
ehemaligen Rentkammer befreit und nach dem
Dom getragen wurde".

1811 besucht Sulpiz Goethe in Weimar. Hier
einiges aus dem Bericht über diesen ersten
Besuch: „Ich komme eben von Goethe, der
mich recht steif und kalt empfing, ich ließ
mich nicht irremachen und war wieder ge-
bunden und nicht untertänig. Der alte Herr
ließ mich eine Weile warten, dann kam er mit
gepudertem Kopf, seine Ordensbänderam Rock;
die Anrede war so steif vornehm als möglich.
Ich brachte ihm eine Menge Grüße: „recht
schön", sagte er. Wir kamen gleich auf die
Zeichnungen (zum Kölner Dom), das Kupfer-
stichwesen, die Schwierigkeiten, den Verlag mit
Cotta und alle die äußeren Dinge. Ja, ja,
schön, schön, hem, hem. Darauf kamen wir an
das Werk selbst, das Schicksal der alten Kunst
und ihre Geschichte. Ich hatte mir einmal vor-
genommen, der Vornehmigkeit ebenso vornehm
zu begegnen, sprach von der hohen Schönheit
und Vortrefflichkeit der Kunst im Dom so karg
als möglich, verwies ihn darauf, daß er sich
durch die Zeichnungen ja selbst davon über-
zeugt haben würde, — er machte bei allem
ein Gesicht, als wenn er mich fressen wollte.
Erst als wir von der alten Malerei sprachen,

thaute er etwas auf.....ich war in allen

Stücken so billig wie du mich kennst, aber
auch so bestimmt und frei wie möglich und
ließ mich gar nicht irremachen durch seine
Stummheit oder sein Ja, ja, schön, merkwür-
dig .... Endlich war von (Graf) Reinhard
die Rede, das Gespräch führte zu unserem
gemeinschaftlichen Besitz vom Apollinarisberg,
von seinen Verhältnissen zur Regierung, zu
seiner Frau, so daß ziemlich das Wesentlichste
berührt wurde, das machte den alten Herrn
freundlicher, das Lächeln wurde häufiger, er
lud mich auf morgen zu Tisch.....Ich kün-
digte ihm Cornelius' Zeichnungen an (zum
Faust), das gefiel ihm, ich schickte sie ihm

nach Tisch.....es kam ein anderer Besuch,

er gab mir einen oder zwei Finger, recht weiß
ich es nicht mehr, aber ich denke, wir werden
es bald zur ganzen Hand bringen. Als ich
durchs Vorzimmer ging, sah ich ein kleines,
dünnes, schwarz gekleidetes Herrchen in sei-
denen Strümpfen (Kapellmeister Baron Oliva)
mit ganz gebücktem Rücken zu ihm hinein
wandeln, da wird er wohl seine Vornehmig-
keit haben brauchen können. Ist es ein Wun-

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