Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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GRUNDSÄTZLICHES ZUR RELIGIÖSEN KUNST
DER GEGENWART

Keine Erscheinung im modernen Kunstleben
gibt mehr zu denken als die in den letzten
Jahren zu beobachtende starke Zunahme der
Bestrebungen auf Neubelebung der religiösen
Kunst. Keine verlangt in ihrer Behandlung
größeren Ernst und feineren Takt als diese.
Nirgend sonstwo erwächst den Sachkundigen
eine so gebieterische Pflicht, die sich mächtig
regenden Reformbewegungen, wie sie sich
jüngst noch in mehreren Tagungen, Verbands-
gründungen und Programmerklärungen ausge-
sprochen haben, in die richtigen Bahnen leiten
zu helfen.

Die Einstellung gegenüber der religiösen
Kunstfrage ist deshalb so besonders schwierig,
weil in ihr das innere Verhältnis zum Gegen-
ständlichen eine wesentliche Rolle spielt, weil
ohne dieses die Lösung kirchlicher Kunst-
aufgaben fast unmöglich erscheint. Die reli-
giöse Kunst ist Zweckkunst im höchsten Sinne
— sie steht im Dienste der Gottesverehrung —

das Schlagwort L'art pour l'art verliert in ihr
jede Geltung. Die Art dieser Gottesverehrung
hat natürlich auf die Formenbildung einen ent-
scheidenden Einfluß. Es ist daher kaum mög-
lich, über die Formfragen religiöser Kunst zu
sprechen, ohne die religiösen Grundlagen zu
berühren. Die Geistlichkeit muß deshalb unter
allen Umständen, soweit das Gegenständliche
bestimmend ist, die Führung auf diesem Ge-
biet behalten, und die Künstler und Fachleute
haben sich in dieser Hinsicht ihren Weisungen
zu unterwerfen.

Die nachfolgenden kurzen Betrachtungen,
die durch die jüngste Tagung des Vereins für
religiöse Kunst in der evangelischen Kirche
in Berlin Ende Januar angeregt worden sind,
sollen aber alle theologischen, dogmatischen,
kirchenpolitischen und vor allem die so gefähr-
lichen metaphysischen Fragen auf sich beruhen
lassen und das Thema nur in bezug auf die
künstlerischen Probleme erörtern.

Die Kunst far Alle. XXXIX Jali 1934

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