Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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ZUR PRIMITIVEN KUNST

Das monumentale, mit einer Überfülle herr-
licher Abbildungen ausgestattete Werk, mit
dem der Propyläen-Verlag seine großzügig an-
gelegte Kunstgeschichte eröffnet*), ladet zu
einigen Bemerkungen grundsätzlicher Art über
die Bedeutung der „primitiven" Kunstübung
für die moderne Kunstwissenschaft ein. Das
Schwergewicht liegt bei dieser Veröffentlichung
auf der sorgsam und mit zuverlässig künstle-
rischem Urteil durchgeführten Vorführung des
Materials, das sich nicht nur auf die Kunst
sämtlicher Naturvölker, sondern auch auf die
der europäischen Vorzeit bezieht. Die schwere
Aufgabe, zu dieser unübersehbaren und stark
heterogenen Kunstproduktion in knapp 75 Sei-
ten einen befriedigenden Text zu schreiben,
löst der Verfasser in der, wie wir glauben, einzig
möglichen Weise, indem er in der unverbind-
lichen Form des Essays Stellung zu einzelnen
Gruppen oder Problemen nimmt. Wir finden
als Einführung eine Betrachtung über „Die
ästhetische Funktion im Leben des Primitiven";
es folgen kurze Aufsätze über die Baukunst,
die Plastik, Naturalismus und Stilisierung, Mas-
ken, Ahnenbilder usw. Von einer irgendwie
erschöpfenden Behandlung des Stoffes oder
einer Auseinandersetzung mit den von Ethno-
graphen und Prähistorikern seit Jahrzehnten
in Angriff genommenen Problemen kann in
diesen, oft nur zwei bis drei Seiten kurzen Auf-
sätzen natürlich keine Rede sein und von Sydow
tut gut, von vornherein auf die Erörterung so
vieler schwebender Fragen zu verzichten. Über
das viel umstrittene Problem von der Ent-
stehung und Entwicklung des primitiven Orna-
ments ; den Einfluß der Wirtschaftsformen auf
die Ausbildung der Kunst und die Möglich-
keit, an der Hand der aufsteigenden Wirtschafts-
stufen Entwicklungsreihen auch für die primi-
tive Kunstform aufzustellen; die Bedeutung der
Rasse und der natürlichen Verhältnisse für die
Differenzierung der Kunstform; den über die
Erdteile hinausreichenden Zusammenhang ein-
zelner Kulturkreise; die tief eingreifende Be-
einflussung durch die geschichtlichen orienta-
lisch-europäischen Kulturen; den auffallenden
Parallelismus zwischen gewissen afrikanischen
Kunsterscheinungen und dem des prähistori-
schen Südeuropa, Vorderasiens, Ägyptens —
über diese und andere Probleme wird man von
Sydows Werk billigerweise keine Auskunft er-
warten dürfen, denn jedes einzelne hätte eine
jahrzehntelange Forscherarbeit und eine Ver-

*) Eckart von Sydow. Die Kunst der Naturvölker und
der Vorzeit. Im Propyläen-Verlag, Berlin. 56g Seiten. Mit
XXIV Tafeln und 400 Abbildungen.

öffentlichung vom vielfachen Umfang des vor-
liegenden Textes beansprucht. Der bekannte
Ästhetiker Max Schaßler hat einmal versucht,
sämtliche Kunstbeflissenen, vom Sammler und
Kunstkaufmann aufwärts bis zum Kunstphilo-
sophen, nach Kategorien in ein logisch durch-
dachtes System einzureihen. Heute würde er
diesen Versuch wohl sein lassen und in welche
Abteilung der Verfasser des vorliegenden Buches
einzuordnen wäre, ist in der Tat schwer zu
sagen. Aber jedenfalls nähert er sich dem von
ihm bearbeiteten Stoff nicht als wissenschaft-
licher Forscher, besitzt dafür aber einen, beim
Fachgelehrten selten anzutreffenden, zuverläs-
sigen Blick für den rein ästhetischen Wert der
naturvölkischen Kunst, der ihn dazu befähigt,
dem Leser den ihm zumeist noch etwas fremden
geistig-seelischen Inhalt der abgebildeten Kunst-
werke zu erschließen und ihm zur Unterschei-
dung der so stark abweichenden primitiven
Kunstwerte eine Handhabe zu geben. Eine
ehrfurchtvolle Liebe zu seinem Stoff, ein fraglos
durch seine wiederholte Beschäftigung mit
dem modernen Expressionismus geschärftes,
feines Verständnis für die geistige Bedeutung
der abstrakten Form und seine philosophische
Vorbildung führen den Verfasser in jedem dieser
kurzen Aufsätze zur Aufstellung bemerkens-
werter, fruchtbarer Gedanken.

Ist nun für die wissenschaftliche Kunstfor-
schung, ist namentlich für die moderne Kunst-
geschichte von diesem Buch eine erhebliche
Förderung zu erwarten? Wir bezweifeln es
fast und wir bezweifeln, ob in absehbarer Zeit
überhaupt eine grundlegende, wissenschaftlich-
systematische Bearbeitung und kunsthistorische
Einordnung der gesamten primitiven Kunst zu
erwarten ist, solange die Forschung sich nicht
auf eine ganz naheliegende, aber bis jetzt völlig
verkannte Grundforderung besinnt: nämlich die
Einstellung der Untersuchung auf die vorge-
schichtliche europäische Kunst als die einzige
primitive Kunstübung, deren Entwicklung durch
die Jahrtausende und deren Kreuzung mit
fremden, höheren Kunstformen wir allmählich
mit sehr großer Genauigkeit feststellen können.
Nur hier können wir verfolgen, wie eine primi-
tive d. h. anfängliche Kunst wird und wächst,
mit welcher wunderbaren Gesetzmäßigkeit die
Form sich von Stufe zu Stufe abwandelt, wie
artfremde Kunstformen benachbarter, höherer
Kulturen aufgenommen und verarbeitet oder
abgestoßen werden, auf welche Weise sich
jeweils die verschiedenen Kunstgattungen
— Ornamentik, Körperschmuck, Geräteplastik,
Architektur, Plastik — entsprechen und damit

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