Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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von stärkerem Nachhall war, als das Goyas und
Madrids. Die neuesten Bilder, denen in der
Abbildung leider die hier ganz besonders un-
umgängliche Farbe fehlt, führen jedenfalls über
Greco hinaus. Die Farben haben ihre grell
zuckenden Kontraste verloren, die fiebernde
Erregung wird zu vergeistigter Ausgeglichen-
heit. Der Künstler erhebt sich über seine
Schöpfung, verliert sich nicht mehr hemmungs-
los in sie. Die von flimmernden, entmateriali-
sierenden Lichtströmen überfluteten Farben sind
auch dann gedämpft, wenn in Bildnissen, z. B.
des „Lesenden", Erregtheit geistiger Arbeit in
den dekorativen Hintergrundsornamenten nach-
zittert. Landschaften, wie die der Pyrenäen
sind nicht topographisch treue Veduten, sondern
gemeint als farbige Erinnerungsbilder, die das
Allgemeingültige und Besondere festhalten. Im
wohligsten Rhythmus klingen die großen Linien
der Häuser hell mit den brennenden und samt-
grünen, weißbläulichen Tönen der Erde und
Berge zusammen. Die Farben und ihre tonige
Abwandlung sind es, die aus dem Antlitz eines
modernen Schriftstellers alles Letzte an arti-
stischer preziöser Form, an Spannung und
schmerzvollerResignation herauszuholen wissen.
Lyrischer aber und zarter schmiegen sie sich
den Linien des Antlitzes an, wenn ein Frauen-
bildnis mit großen, wie aus dem Unbewußten
heraus scheu suchenden Augen, die zu fixieren
und wieder nicht zu fixieren scheinen, oder das
eines Knaben, des Sohnes, vor uns ersteht.
Auch hier vergeistigt die Lichtführung den
Ausdruck träumerischer und auch befangen
ängstlicher Versonnenheit, lösen sich die Formen
in großen Flächen und Umrissen weich vom
unbestimmt phantastischen Grunde. Die Farben
sind rein, ohne Bindemittel, aufgesetzt.

Verlangt es das Thema, so weiß der Maler
aber auch die Farben kräftiger zu kneten und
die Akzente bestimmter zu setzen oder auch
das Kolorit heiterer, ja festlicher zu stimmen.
Dann behauptet sich z. B. ein loderndes Gelb
und ein sehr lichtes Grün und Grüngelb gegen
dunklere bläuliche Töne.

Stets ist es die atmende und bewegte Natur,
sind es deren Blüten und Pflanzen, die wie
lebende Wesen mit Gefühl und Empfindung
ausgestaltet sind, die interessiert. Geiger liebt
besonders die züngelnden, schlängelnden Blätter
der Orchideen, die so rasch in Ornament über-
gehen und die Phantasie lebhaft anregen. In
allen Werken offenbart sich starker Wille und
ein feinfühliges Temperament und eine warme
Menschlichkeit. Immer sicherer wird ihn der
Weg zur vollen Harmonie und zum Lichte führen.

Nasse

BERLINER AUSSTELLUNGEN

piner unserer persönlichsten und ausdrucksvoll-

sten Maler, Lovis Corinth, hat am 27. Juli sei-
nen 65. Geburtstag gefeiert, und die National-
galerie hatte 170 Gemälde des Künstlers aus eige-
nem und deutschem Privatbesitze in dem ihr seit
I'/a Jahren mitgehörenden ehemaligen Kronprin-
zenpalais zusammengetragen. Mag die Sammlung
auch nicht vollständig gewesen sein, weil zum
Teile sehr bekannte Bilder aus fremden Galerien
fehlten, so gestattete das Vorhandene dennoch
bequem, den künstlerischen Werdegang Corinths
zu verfolgen und ein geschlossenes Bild seiner
Persönlichkeit zu gewinnen.

Seine kraftstrotzende Künstlernatur bricht bei
allen Arbeiten deutlich hervor. Ein stürmisches,
eroberungsfreudiges Temperament von uner-
schöpflicher Anpassungsfähigkeit an den Gegen-
stand beherrscht diesen ungewöhnlichen Künst-
ler, der auch dort, wo er in seinen Werken aus
neuerer Zeit oft stark ins Schmissige, Verwegene
und Wankende gerät, immer individuell und von
niemals uninteressanter Eigenmächtigkeit ist.

Wir trafen ihn kürzlich nochmals in der
Schwarweiß-Ausstellung der Akademie, wo er mit
vielen, nur als Skizze bewertbaren wilden Lau-
nen, mit bunten frechen Aquarellen und mit ernst-
haften Zeichnungen vertreten war, deren Glanz
wie spielende Selbstverständlichkeit wirkt. Aber
wer da weiß, wie fleißig erworben auch das wirk-
lich große Können des Genies ist . . .! —

Noch ein anderer Berliner Künstler ist neulich
gefeiert worden: Karl Hagemeister, der stille
Alte, in einer vergangenen Kunstperiode aufrecht
und eigenwillig wurzelnd, ist draußen in Werder,
inmitten der Havelseen hinter Potsdam, 75 Jahre
alt geworden. Es hat Mühe gekostet, den spröden,
bedürfnislosen und nur der Welt seiner Bilder
ergebenen, von aller Unrast und aller Wirrnis
unserer Zeit unberührt gebliebenen Greis in die
Öffentlichkeit zu ziehen und etwa dreißig Bilder,
die im Keller seines Hauses verstaut zu sein pfle-
gen, zu einer Kunstausstellung zu schicken, die
im Cornelius-Saale der Nationalgalerie unterge-
bracht waren. Wie kommt es, daß dieser Künst-
ler, der einsam wie ein schwedischer Kohlenbren-
ner haust und nur ab und zu von verständnisvol-
len Freunden besucht wird, eigentlich erst jetzt
richtig „entdeckt" worden ist? Wohl war Hage-
meister bekannt, aber sein Einsiedlertum ist we-
der eine Erklärung noch eine Entschuldigung da-
für, daß wir es versäumt haben, den nur seinem
schöpferischen Wirken ergebenen, schaffensrei-
chen Landschafter in die vordersten Reihen un-
serer deutschen Maler zu holen. Es bleibt ein
Zeichen unvollkommener Kunstpflege, daß am
Rande Berlins ein seltener Meister des Pinsels
fast im Verborgenen lebt. Was diesen Fall er-
klärlich macht, ist gerade das, wovon Karl Hage-
meister verschont bleiben wollte und geblieben
ist: der Zug unserer Zeit zum Lauten und Kras-
sen, das Kennzeichen unserer Kunst: der Hang
zum Spekulativen, zum Übertrumpfen. Es ist fast
so, als ob das Zeitalter, das an ihm vorüberging,
sich gescheut hätte, von ihm bemerkt zu werden.

Hagemeister ist uns lieb und wert durch das
freudige Licht in seinen Bildern, die alle von einer
tiefen Ehrfurcht vor der Natur erfüllt sind. Mag
er auch keine himmelstürmende Persönlichkeit
sein, so ist er doch als ein in sich geschlossener,
fester künstlerischer Charakter und gereifter Kön-
ner ein treuer Schöpfer und Hüter deutscher Kunst.

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