Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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FRITZ KLIMSCH

Uberblicken wir in Gedanken die Werke in
Marmor, Bronze, Stein, Gips und Holz, die
wir von der Hand dieses den Lesern wohl be-
kannten Bildhauers im Laufe der Jahre betrach-
ten durften, so gestehen wir, daß uns vor allem
zwei Schöpfungen Erlebnis geworden sind: die
ruhig ernste Architektonik des igos entstan-
denen Grabmals Meißner mit seinen Figuren
resignierter Trauer und seinem Genius des
Schweigens und die lebensfrohe, jugendfriscbe
Ulanenfigur des Saarbrücker Kriegerdenkmals
von 1912/13. Sie enthalten zwei der wesent-
lichsten Eigenschaften unseres Künstlers, die
bezwingende Fähigkeit, allen plastischen For-
men ernste geistige Beseelung mitzuteilen und
weiter jene andere Gabe, Bewegung ohne Pathos
in anmutige flüssig-gleitende Form zu kleiden.
Die Figur, die Figurengruppe und dann das
Bildnis ist des Meisters eigentlichste Domäne.
Den Bildnissen junger Mädchen und junger
Frauen weiß er mit unglaublich feinfühliger
Sensibilität den Reiz bestrickendster Grazie und
Liebenswürdigkeit und den Bildnissen von
Männern durch scharfe Charakterisierung wirk-
lich geistige Bedeutung zu verleihen. Vom
Studium und von der sicheren Bewältigung
des Bewegungsproblems zeugen zahlreiche Klein-
plastiken, da den großen Plastiken in der Regel
das Thema der Ruhe und Geschlossenheit vor-
behalten bleibt. Eine vor kurzem über den
Künstler erschienene knappe Monographie*)
mit 72 Tafeln, die die wichtigsten Werke von der
Frühzeit bis zum Jahre 1923 enthalten, aus der
Feder Bodes, mit Temperament und nicht ohne
saftige Seitenhiebe und scharfe Polemik geschrie-
ben, ist der äußere Anlaß, in Kürze sich hier
mit dem Künstler und seinem Oeuvre zu be-
fassen. Auch führt sich mit dieser Publikation
ein neuer Verlag, der Gutes verspricht, aufs
Beste ein. Die Tafeln enthalten etwa die Hälftedes
gesamten Oeuvres, vermögen aber hinreichend
über dieses Meisters Werdegang zu orientieren.
Wir können feststellen, wie es unserem Künstler
gelungen ist, im Laufe seiner Entwicklung zu
in der Tat guter großer Form und zu eindring-
lichster Vergeistigung seiner Schöpfungen fort-
zuschreiten. Schon früh verstand es der
1870 in Frankfurt a. M. geborene Künstler, sich
von allem etwaigen barocken Schwulst der
Begaszeit freizumachen. Er war ja Schüler
Schapers. Schaper selbst aber geht mit seinem
Lehrer Wolff auf den wohligen Klassizismus

*) Fritz Klimsch. Eine Auswahl seiner Werke. Mit einer
Einleitung von Wilhelm Bode. Freiburg im Breisgau. Pontos-
Verlag 1924.

eines Rauch zurück. So erweist sich auch
Klimsch als Wahrer und Mehrer einer ganz
bestimmten Ateliertradition, wie sie in diesem
Falle in ganz ähnlicher Weise für die Berliner
Plastik wie für die Münchner Malerei gilt.
1894 erwarb sich Klimsch den Rompreis und
trat in Beziehung zu Hildebrand. Vielleicht
darf man gewisse Einwirkungen feststellen.
Vielleicht darf man auch unbedenklich ein-
räumen, daß in manchen Werken der Einfluß
aus der griechischen Antike und aus dem floren-
tinischen Quattrocento nachhaltiger ist, als es
Bode zugeben möchte, womit Klimschs Be-
deutung in keiner Weise herabgesetzt werden
soll. Denn auf alle Fälle hat er aus seinen
Vorbildern, wir denken an die Grabreliefs, neue
Prägung zu gewinnen gewußt, aus anderen
Vorbildern, wir denken hier an die „Gottes-
furcht" usw. im Reichstagssitzungssaal deutsche
herbe und spröde Charakterfiguren umgeschaffen.
So zieht sich ein glücklicher Aufstieg durch
alle Arbeiten, seit dem „Kuß" von 1900 und
der „Salome" über das „Virchow-Denkmal",
die Bildnisse, die „Niobiden", die „Trauernde",
die „Badende" zu den letzten Arbeiten, wie „Lie-
gende von 1921", „Schwalbe", „Charis", „Früh-
lingssehnen" und dem Tonmodell der „Ver-
sonnenen". Nasse

KUNST UND KUNSTWISSEN-
SCHAFT

Die alte Abneigung der Künstler gegen die
Kunstgelehrten, Kunsthistoriker ist heutzutage
besonders groß; dies erklärt sich daraus,
daß die sogen. Kunstwissenschaft großen Auf-
schwung genommen hat, in ihrer Art ent-
schieden größeren als die Kunst selbst; auch
beherrscht sie tatsächlich das der Kunst zu-
gewendete Interesse des Publikums. Der Künst-
ler fühlt sich natürlicherweise allenthalben ein-
geengt und gleichsam unter der Oberaufsicht
von Leuten, die er doch nur als Eindringlinge
in sein Gebiet betrachten kann; auf der anderen
Seite ist er sich wohl bewußt, daß die Kunst
in ihrer gegenwärtigen Gestalt nicht die Macht
hat, jenes Kunstgelehrtentum in seine natür-
liche Stellung zurückzudrängen. Die Folge da-
von ist, daß er ungerecht wird gegen die
Berechtigung, ja gegen das Verdienst jener
Bestrebungen.

Konrad Fiedler

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