Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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ILLUSTRATIONEN
ZUR HISTORIE

Alt-Ägypten ist zur Zeit volkstümlich. Schon
i~\ öfters hat es der modernen Kunst An-
regungen geliefert. Sarastro und die Sphinxe
des Empire, Uarda und Ai'da mögen an die Tat-
sachen erinnern. Nun erlebt man wieder eine
Welle, die die Ergebnisse der gelehrten Arbeit
ins Volk trägt. Schäfers „Von ägyptischer Kunst"
geht mit unerbittlicher Fragestellung den Grund-
fragen des ägyptischen Stils nach. H. Fech-
heimers „Ägyptische Plastik" und „Ägyptische
Kleinkunst" lehrt die alten Werke mit modernem
Gefühl begreifen. Beide schreiben für die ge-
bildeten Kunstfreunde. Die Tänzerinnen, die
Kleopatra tanzen und die Riesenfilme von Pha-
raonentöchtern sind für die Genügsameren. Es
ist leicht gesagt, aber unhistorisch gedacht, diese
allgemeine Hinneigung zu dem Lande der vielen
Dynastien als Mode abzufertigen. Viel tut gewiß
ein unbewußtes Gefühl für das, was dem Schaffen
unserer Gegenwart vonnöten wäre, und was
man nun, statt es da zu würdigen, wo es von
lebenden Künstlern geschaffen wird, in der Ver-
gangenheit sucht, um sich damit zu bescheiden
oder es als Muster hinzustellen. Was die be-
sondere Vorliebe für Echnaton anlangt, so haben
phantastische germanozentrische Vorstellungen
vom Sonnenkult bei manchen mitgesprochen,
die sich im Ernst Ägypten als nordische Kultur-
kolonie dachten ; bei andern war es verständnis-
volles Mitgefühl für den körperlich dekadenten,
geistig hochgezüchteten Edelrevolutionär; für
viele hatte es etwas Beglückendes, wie sich aus
der von fern gesehen so einförmigen ägyptischen
Kunst und Kultur eine von hohem geistigen
Leben erfüllte Zeitspanne heraushob und wie
sich drängende Funde über diese Zeit der
XVIII. Dynastie immer neue Aufklärungen
brachten. Noch andern war die künstlerische
Vollkommenheit, die sich auch ohne fachwissen-
schaftliche Kenntnisse genießen läßt, das ent-
scheidende Erlebnis, und dann kam freilich der
Troß derer hinterdrein, die nun auch unbedingt
ihren Abguß vom Kopf des Echnaton auf dem
Schreibtisch stehen haben mußten.

Das neue Buch von Grethe Auer und Clara
Siemens„König Echnaton in El-Amarna"wendet
sich an die vielen, denen es die wundersame Er-
scheinung des Sonnenkönigs im Gemüte angetan
hat, und es wird jedem etwas zu sagen haben,
der einmal vor den Köpfen aus der Werkstatt
des Thutmes den Zauber verspürt hat, mit dem
die längst Abgeschiedenen, der König und sein
Weib, noch auf uns Lebende wirken, als Persön-
lichkeiten, deren geistiges Vermögen sie über
Jahrtausende antiker Geschichte erhebt, und die

RUDOLF SCHELLER GUTER HIRTE

uns doch so nahe sind, daß wir an ihren rein
menschlichen Geschicken Anteil nehmen.

Der Text G. Auers erdichtet feinfühlig und
anschaulich das Bekenntnis eines flüchtigen
Veteranen, der sich in den Ruinen der Stadt
des Echnaton ansiedelt und innerlich die Wir-
kung seines Wesens an sich erlebt. Die 16 von
C. Siemens gezeichneten Tafeln geben unab-
hängig davon Szenen aus dem Leben des Königs
in frisch und gemütvoll erfundenen Bildern.
Der Name der Gelehrten, unter deren Augen
das Werk entstanden ist, bürgt dafür, daß jede
Einzelheit wissenschaftlich richtig ist. Trotzdem
wird in der Zeichnung nicht ägyptisiert, und
deutliche Anklänge an bestimmte Vorbilder sind
vermieden. Kenner der ägyptischen Landschaft
rühmen die gut getroffene Stimmung der abge-
bildeten Gegenden. Freilich fehlt der befangenen
Zeichnung die Bestimmtheit, der Perspektive
und dem Akt die Sicherheit, der Komposition
die Bildwirkung und der Beleuchtung die Kraft
des Sonnenlichts. Aber so drängt sich auch
kein ausgesprochener Stil zwischen uns und die
Vergangenheit.

Vor einiger Zeit ist im Verlag Schoetz & Par-
rhysius ein Werk ähnlichen Charakters ent-
standen: „Ein Festtag am Hofe des Minos",

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