Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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THEODORE CHASSERIAU

FRIES DER WINZER

THEODORE CHASSERIAU 1819—1856

Chasseriau gehört mit Charles Gleyre, Ca-
millo Pissarro, Vincent van Gogh und Pablo
Picasso zu denjenigen Künstlern, die durch
die kraftvolle Geschlossenheit der französischen
Kunst aus der Fremde nach Paris gezogen
wurden, die französische Malerei erneuerten,
endlich aber in dem breiten Strom der Tradi-
tion aufgingen. Chasseriau wurde 1S19 in Sa-
mana in Haiti als Sohn eines Kreolen und
einer Französin geboren, kam mit neun Jahren
nach Paris und wurde schon als Zehnjähriger
Schüler von Ingres, der schon damals in ihm
einen „Napoleon der Malerei" zu erkennen
glaubte. Mit sechzehn Jahren erhielt er für
einen „Kain" die erste Auszeichnung im Sa-
lon. Die „Rückkehr des verlorenen Sohnes",
die er gleichzeitig ausstellte, hängt heute im
Museum zu La Rochelle. Wenn diese Bilder
noch jugendliche Unreife erkennen lassen, so
hat er als Zwanzigjähriger mit der „Susanna
im Bade", jetzt im Louvre, seinen eigenen Stil
gefunden. 1841 entstand eine „Andromeda", 1842
die „Toilette der Esther", 1843 das Doppelbild-
nis der beiden Schwestern, das im Louvre seit
langem als eines der Meisterwerke des 19. Jahr-
hunderts gilt. Die großen Erfolge seines bis-
herigen Schaffens erwirkten Chasseriau Auf-
träge der Stadt Paris. 1846 unternahm er eine
längere Orientreise. Die Arbeiten, die er von
dieser Studienfahrt heimbrachte, erhöhten sei-
nen Ruhm. Er wurde von neuem mit Auf-
trägen für Kirchen bedacht. Gleichzeitig wurde
ihm die Aufgabe gestellt, das Treppenhaus
des Rechnungshofes mit einer Bilderreihe zu
schmücken. Die meisten seiner Wandmalereien
sind 1871 während der Kommune zerstört; die
geretteten Teile befinden sich heute im Louvre;
ebenso eines der Hauptwerke dieser Zeit: das
Tepidarium (1853). Gut erhalten ist die große
Kreuzesabnahme von 1854 in Saint Philippe du

Roule in Paris. 1856 ist Chasseriau, noch nicht
vierzigjährig, gestorben.

Schon in seinen knabenhaften Anfängen be-
wies er, angefeuert durch Ingres, außergewöhn-
lichen Ehrgeiz. Von seinem Lehrer auf Nicolas
Poussin gelenkt, fühlte er sich bereits in jun-
gen Jahren in die idealen Forderungen ein, die
die Franzosen an die Malerei stellten. Er sah,
wie Ingres mit dem Erbe seines großen Ahnen
zu wuchern wußte, schloß sich ihm an und
bemühte sich in großartigen Bemühungen
Poussins Maximen zu erneuern und über In-
gres hinauszudringen. Die frühe Zeichnung der
Daniele Stern ist so fest geschlossen im Um-
riß, wie Ingres es liebte und lehrte. Der Strich
ist zart und fein, wie die Klassizisten es for-
derten. In „Apollo und Daphne" und in der
„Toilette der Venus" ist die Umrißzeichnung
in dem Gegensatz von hellen und dunklen
Flächen aufgelöst, und es tritt schon jener
malerische Stil in Erscheinung, der für die
Reifezeit Chasseriaus charakteristischist. Burger-
Thore hat sich damals in recht bissiger Weise
über den Maler lustig gemacht, der im Ingres-
stil begann und im späteren Verlauf seiner Ent-
wicklung den plastischen Stil des Ingres mit
dem malerischen Stil des Delacroix zu ver-
schmelzen trachtete. Die Wendung Chasseriaus
nach seiner Orientreise von Ingres zu Delacroix
ist aber nicht, wie Burger annimmt, aus rein
äußerlichen Gründen erfolgt, sondern auf die
Grundanlagen seiner Natur zurückzuführen, die
tief im romantischen Geist verankert waren.
Dem Ingresschen Klassizismus hatte sich Chas-
seriau offenbar nur aus Gründen der Selbst-
disziplin ergeben. In ihm suchte er Bändigung,
Haltung und die Beruhigung seines stürmischen
Temperamentes. Die hat er auch tatsächlich
gefunden. In der strengen Schule des Klassi-
zismus lernte er großartige Raumbilder mit

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