Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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CHARLES JAECKLE DIE FRAU DES KÜNSTLERS

CHARLES JAECKLE

1872—1923

Wir sollten nicht so oft das mit aller Gewalt
nicht sehen wollen, und darum ableugnen,
was nur wenig schmeichelhaft ist, wir sollten
auch der unschmeichelhaften Wahrheit mutig
ins Auge sehen. Manche meinen freilich, das
könne manchmal allzu entmutigend wirken ; doch
wie sollte Mut beweisen entmutigend wirken?

Und das ist die Wahrheit auf die ich hin-
ziele: Unsere Zeit hat keinen Stil. Die Mode
und die Moden sind an seine Stelle getreten
und sind manchmal sogar so dumm, um zu
glauben, sie könnten ihn ersetzen.

In allen Zeiten, die von einem Stil beherrscht
waren und der letzte, streng genommen, war
das Rokoko, trug jedes Kunstwerk, so gering
es auch sein mochte, auf seiner Stirne das Si-
gillum dieses Stils. Ohne dieses deutlich sicht-
bare Siegel gehörte es überhaupt nicht zur
Kunst, aber mit ihm gestempelt, war es geweiht,
und daher kommt es, daß aus den Zeiten der
großen Stile selbst Werke von wenig bedeuten-
den Künstlern für uns noch reizvoll sein können.

Und natürlich hinderte die Herrschaft des
allgemeinen Stils, des Zeitstils, den Künstler

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