Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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NEUES VON UND ÜBER COROT

Während heute so manche bestrebt sind,
Literatur zu malen, hielt man es in frü-
heren Zeiten ein wenig anders: wenn ein Maler
schriftstellerisch begabt war, so mochte er viel-
leicht ein wenig differenzierter, nuancierter ma-
len als die minder literarisch gestimmten Kunst-
genossen — aber er blieb ein ganz gewöhnlicher
Maler, malte Figuren, Landschaften und der-
gleichen mehr; Literatur malte er nicht, son-
dern .... er schrieb sie höchstens nebenher. Be-
weis unser Feuerbach mit seinen wundervollen
Briefen, Beweis auch die großen französischen
Impressionisten, aus deren Korrespondenz neuer-
dings wieder einiges an die Öffentlichkeit gekom-
men ist. Dabei verweilt ein jeder bei seinem
besonderen „Fach" mit sichtlicher Liebe: wäh-
rend der Meister des „Angelus", J. F. Millet,
mit außerordentlicher Kraft das ihm vertraute
und teure Bild des arbeitenden Bauern auch
in Worte zu fassen weiß, versucht der Ver-
künder zartester Landschaftsimpressionen, J. B.
Corot, auch in seinen Briefen die Feinheiten
der Naturstimmungen mit tief beseeltem Wort
zu schildern. Hier einige Proben aus diesen
Corot-Briefen:

„Früh steht man auf, um drei Uhr morgens,
vor Sonnenaufgang; läßt sich nieder am Fuße
eines Baumes. Erst sieht man nicht viel. Die
Natur gleicht einer blassen Leinwand, von der
sich kaum die Profile etlicher Gestaltungen ab-
heben : alles ist in Balsamdüfte getaucht, alles
schauert vom neuerfrischten Hauch der Mor-
gendämmerung. Pang — da erhellt sich mit
einemmal der Horizont .... Noch hat die Sonne
nicht den Schleier zerrissen, hinter dem sich
die Wiese, das Tal, die Hügel am Horizont
verstecken .... Noch kriechen die Dünste der
Nacht gleich Silberflocken über die starrgrünen
Gräser .... Pang, pang — ein erster Sonnen-
strahl, ein zweiter Sonnenstrahl! Die kleinen
Blumen scheinen fröhlich zu erwachen. Eine
jede hat ihren zitternden Tautropfen ... die
frierenden Blätter wehen im Morgenhauch. Im
Laub singen unsichtbare Vögel. Es ist, als
beteten die Blumen. Die schmetterlingsflügligen
Liebesgötter tummeln sich über die Wiese hin
und lassen die hohen Gräser auf- und abwogen.
Man sieht nichts, alles ist innen drin. Die
ganze Landschaft ist hinter dem durchschei-
nenden Gazeschleier des Nebels — der nun frei-
lich emporsteigt, immer höher steigt unter dem
Anhauch der Sonne und, indem er sich höher
hebt, den silberdurchwirkten Fluß sehen läßt,
die Wiesen, die Bäume, das Häuschen, die
fliehende Ferne. Und endlich unterscheidet man
deutlich alles, was man zuerst bloß erriet . ."

Nach der Morgenstimmung noch eine Abend-
stimmung :

„Die Natur schlummert ein. Aber die frische
Abendluft seufzt im Laub. Der Tau beperlt
den Samt des Rasens. Die Nymphen fliehen,
verstecken sich und möchten doch gesehen
werden. Ping — da bohrt ein Stern des Him-
mels sein Köpfchen in den See. Lieblicher
Stern, dessen Funkeln das Wogen des Wassers
noch verstärkt, du guckst mich an, lächelst
augenzwinkernd! . . . Ping — da zeigt sich schon
ein zweiter Stern im Wasser — ein zweites
Auge öffnet sich. Seid willkommen, ihr reinen,
lieblichen Sterne! . . . Und — ping, ping, ping!
— nun sind's drei, sechs, zwanzig Sterne —
alle Sterne des Himmels haben sich ein Stell-
dichein gegeben in diesem glücklichen Weiher.
Immer noch dunkler wird alles — der Weiher
allein glänzt immer heller auf. Ein Gewimmel
von Sternen! Die Illusion vollzieht sich. Da
die Sonne schlafen gegangen, geht die innere
Sonne der Seele, die Sonne der Kunst auf...
Schön — und mein Bild ist fertig!"

Übrigens werden durch einen Schweizer Kunst-
gelehrten, der ein Fortwirken des Corotschen
Einflusses auf das Kunstleben der Schweiz zu
erweisen bemüht ist (dieser Einfluß wirkt seiner
Versicherung nach durch Vermittlung des Bar-
thelemy Menn bis auf dessen Schüler, den jungen
Hodler hin), neuerdings auch private mündliche
Äußerungen des liebenswerten Meisters bekannt.
Das heute vielfach als kitschig verschriene Rosa
war seine Lieblingsfarbe. (Er hat auch in der
Tat aus Rosa und Silber wundervolle Farben-
harmonien erzielt.) Seine Lieblingskünstler wa-
ren Shakespeare, Lionardo und Gluck. Sein
Lieblingsheld — was wohl in zufälligen Be-
sonderheiten seiner Entwicklung begründet ge-
wesen sein muß — der heilige Vinzenz von Paul.
Nicht leiden konnte er den Äneas des Vergil —
was ihm mancher nachfühlen können wird. Alle
diese Äußerungen tat Corot authentischermaßen
bei einem der zu allen Zeiten beliebten Frag-
und Antwortspiele: sie vervollständigen aufs
reizvollste das Bild seiner menschlichen und
künstlerischen Persönlichkeit. F. Arens

BERICHTIGUNG

In dem Aufsatz „Malerei und Zeichnung der
Griechen" im Januarheft ist infolge nachträglicher
Abänderung des Bilderbestandes des Aufsatzes
eine Titelverwechslung auf Seite 113 passiert. Der
Leser wird sich schon gewundert haben, daß nach
diesem Bilde Paris und Helena Kinder bekommen
haben, von denen Homer nichts weiß und über
deren Erziehung sie sich anscheinend sorgenvoll
aus der Entfernung unterhalten. Das Bild stellt,
wie unsere Leser wohl schon vermutet haben
werden, die Medea vor dem Kindermord, im Hin-
tergrund der Pädagog, dar.

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