Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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SULPIZ BOISSEREE UND DIE KUNST

Während des Weltkrieges erschien im Jahre
1916, von vielen nicht beachtet, ein dick-
leibiger Band des unlängst verstorbenen rhei-
nischen Kunsthistorikers Firmenich-Richartz,
der die Sammlertätigkeit der Brüder Sulpiz
und Melchior Boisseree umständlich und ein-
gehend untersuchte und darstellte*). Zugrunde
lag jenes von der Witwe, Mathilde Boisseree,
geb. Rapp, 1862 herausgegebene Werk, das in
zwei Bänden Briefe, Tagebuchaufzeichnungen
(Bd. I), sowie den Briefwechsel mit Goethe
(Bd. II) enthielt. Firmenich-Richartz teilt außer-
dem den Katalog der Boisseree-Galerie mit kri-
tischen Anmerkungen, Auszüge aus S. Boisserees
„Materialsammlung zu einer Geschichte der
nordischen Malerei und Plastik" und, zusam-
menfassend „Mitteilungen über Gemälde alter
Meister in Briefen, Urteile über Kunstdenk-
mäler in Italien" mit ebenfalls kritischen An-
merkungen und Literaturangaben mit.

Verwertet werden Tagebuchaufzeichnungen
und Briefe, die von Mathilde Boisseree nicht
oder nur unvollständig mitgeteilt worden sind.

Ohne irgendwie das Verdienst jenes For-
schers schmälern zu wollen und auch nicht in
der Absicht einer Kritik jenes nicht ganz leicht
zu bewältigenden Werkes, das als „erster" Band
nur Torso geblieben ist, wollen wir, von anderen
Gesichtspunkten geleitet, im folgenden einige
beachtenswerte Stellen aus dem ersten Bande
der Mathilde Boisseree im Auszug mitteilen.

Alle wichtigen Daten aus dem Leben der
Brüder, deren rastlosen Eifer, deren sicheren
Blick für Qualität gerade München die herr-
lichsten alten deutschen und niederländischen
Gemälde der Alten Pinakothek verdankt, wer-
den als bekannt vorausgesetzt. Erinnert sei an
die Freundschaft mit Friedrich Schlegel seit
jener Pariser Reise 1803. Erinnert sei an den
Besuch Goethes in Heidelberg, wo Goethe die
seit 1810 dort befindliche Sammlung sah und
hierbei ausrief: „Auch hier sind Götter." Be-
kanntlich siedelten die Brüder von Heidelberg
nach Stuttgart über, wo Aussicht auf Erwerb
der Sammlung durch den König bestand. Aber
weder diese noch weitläufige, durch Schinkels
Vermittlung mit Berlin geführte, Verhandlun-
gen erzielten ein positives Ergebnis. Erst als
unser Dillis die Bilder gesehen hatte und
Ludwig I. auf sie aufmerksam gemacht hatte,

•) Eduard Firmenich-Richartz. Die Brüder Boisseree.
I. Band. Sulpiz und Melchior Boisseree als Kunstsammler.
Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. Jena igi6.

entschied sich ihr Schicksal. Sie kamen 1827
auf Betreiben von Dillis zunächst nach Schleiß-
heim, dann 1836 nach München.

Daß Sulpiz Boisseree es sich außerdem zur
Lebensaufgabe gemacht hatte, den Kölner Dom
in seiner ursprünglich geplanten Gestalt wieder-
erstehen zu lassen, welchem Ziele seine mit
gewissenhaften Zeichnungen ausgestattete Be-
schreibung galt, ist gleichfalls bekannt genug,
auch seine geschickte Art und Weise, wie er
Goethe für dieses sein Lebensideal völlig zu
gewinnen wußte. Nicht vergessen sei, daß
S. Boisseree zugleich ein grundlegendes Werk
über die alte deutsche Baukunst plante, sich
auch mit schönem Erfolg um die Wiederbe-
lebung der Glasmalerei bemühte und überall,
was aus seinen „Mitteilungen über Gemälde
alter Meister" mit besonderer Deutlichkeit her-
vorgeht, einen überraschend klaren, ja bisweilen
intuitiven Blick als Kunstforscher, ja Kunst-
historiker besaß. Daß naturgemäß in der Be-
stimmung und Zuschreibung mancher seiner
eigenen Gemälde einiger Wirrwarr herrscht, wie
z. B. Roger v. d. Weyden stets mit Jan vanEyck
verwechselt wird, Memling Hemling geschrieben
wird und anderes mehr, war nach dem Stande
der damaligen Forschung verzeihlich und vermag
dem oben Gesagten keinerlei Abbruch zu tun.

An jene Zeit der schonungslosen Aufhebung
von Klöstern, Räumung von Kirchen usw. läßt
nun gleich eingangs folgende Stelle aus dem
Fragment einer „Selbstbiographie" (1800—1808)
denken. Boisseree erinnert an „einen jener
glücklichen Zufälle, die im Menschenleben so
oft entscheidend wirken" und erzählt: „Es ge-
schah in den ersten Monaten nach unserer
Rückkehr (von Paris nach Köln!), als wir mit
Schlegel auf dem Neumarkt, dem größten Platz
der Stadt, spazierten, daß wir einer Tragbahre
mit allerlei Geräte begegneten, worunter sich
auch ein altes Gemälde befand, auf dem die
goldenen Scheine der Heiligen von ferne leuch-
teten. Das Gemälde, die Kreuztragung mit den
weinenden Frauen und der Veronika (B.Bruyn?)
darstellend, schien nicht ohne Vorzüge. Ich
hatte es zuerst bemerkt und fragte nach dem
Eigentümer, der wohnte in der Nähe, er wußte
nicht, wo das große Bild zu lassen, und er
war froh, es für den geforderten Preis loszu-
werden. Nun hatten wir für die Unterbringung
zu sorgen; um Aufsehen und Spottreden zu
vermeiden, beschlossen wir, das verstaubte
Altertum durch eine Hintertür in unser elter-

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