Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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ODYSSEUS BEI DEN LAISTRYGONEN

KRITIK UND PUBLIKUM

Man kann es nicht leugnen, daß Lessing, der für
die literarische Bewegung seines Zeitalters
der große Befreier war, im „Laokoon" der bil-
denden Kunst unerträgliche Fesseln geschmiedet
hat. Er hob ihre Bewegungsfreiheit nahezu auf
und dekretierte: sie dürfe nur darstellen, was
keinen starken Affekt zeige, sie dürfe keinen
Höhepunkt der Handlung, keine Situation, die
sich schnell verändere, dem Auge festhalten,
vor allem aber dürfe sie nichts Häßliches dar-
stellen, überhaupt nichts, was keines Ideales
fähig sei. „Die höchste körperliche Schönheit
ist höchste Bestimmung der Malerei. Die höch-
ste körperliche Schönheit existiert nur in dem
Menschen und auch in diesem nur vermöge des
Ideals. Dieses Ideal findet bei den Tieren schon
weniger, in der vegetabilischen und leblosen
Natur aber gar nicht statt. Dieses ist es, was
dem Blumen- und Landschaftsmaler seinen

Rang anweist. Er ahmet Schönheiten nach, die
keines Ideals fähig sind; er arbeitet also bloß
mit dem Auge und mit der Hand; und das Ge-
nie hat an seinem Werke wenig oder gar keinen
Anteil."

Der junge Goethe antwortete keck: ob der
Künstler „das Gesicht der Geliebten, seine Stie-
fel oder die Antike" zum Vorwurf nimmt, das
gilt gleich, wenn er nur „die heiligen Schwin-
gungen und leisen Töne, womit die Natur alle
Gegenstände verbindet" wahrzunehmen und
nachzuschaffen versteht. Und Herder sann lange
auf eine Antwort wider Lessing und sammelte
jahrelang Material, um endlich in seiner „Pla-
stik" den Beweis zu erbringen, daß keine Er-
scheinung und kein Gesichtskreis der Malerei
untersagt werden dürfe. Es sei eine falsche Be-
schränkung, wenn man den Menschen als edel-
sten Gegenstand der Darstellung bezeichne und
die Landschaftsmalerei nicht anerkenne; und er
wendet sich ärgerlich gegen „jene armseligen,

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