Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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VORSATZ DES MALERS

Von Philipp Otto Runge

Die Kunstausstellung in Weimar und das
ganze Verfahren dort nimmt nachgerade
einen ganz falschen Weg, auf welchem es un-
möglich ist, irgend etwas Gutes zu bewirken.
Die Aufgabe des Achills auf Skyros, wie sie
sie da gaben, ist etwas Unerreichbares, die
Motive, die so verwickelt sind, alle anschau-
lich zu machen in einem Moment, ist etwas,
das bei der Römischen Schule wohl bisweilen
erreicht worden, aber wo das Sujet nicht ein
aufgegebenes war. Hoffmanns Komposition
ist ein Schwall von Figuren und verliert sich
ungeheuer in Nebensachen, wodurch das Ganze
nur mehr verwirrt wird; die Herren sind durch
die Ausführung vielleicht bestochen worden.
Das Zerspringen der Perlenschnur ist nichts
Charakteristisches von dem Achill, und nur
eine Rarität in der Komposition. — Der Achill
und Skamander, samt den Sachen, wie das
nach und nach zur Vollendung gebracht wer-
den soll, ist doch am Ende ein vergeblicher
Wunsch; wir sind keine Griechen mehr, können
das Ganze schon nicht mehr so fühlen, wenn
wir ihre vollendeten Kunstwerke sehen, viel
weniger selbst solche hervorbringen, und warum
uns bemühen, etwas Mittelmäßiges zu liefern?

— Die neue Aufgabe „läßt viel Empfindung
und Symbolisches zu"; nun können wir sitzen,
gehen und empfinden, das heißt uns: beim
verkehrten Ende anfangen. — Der Tiresias ist
„eine neue Entdeckung in der Komposition",

— ja die Leute jagen nach Sujets, als wenn
die Kunst darin stäke, oder als wenn sie nichts
Lebendiges in sich hätten. Muß denn so et-
was von außen kommen? Haben nicht alle
Künstler, die noch ein schönes Kunstwerk her-
vorbrachten, erst ein Gefühl gehabt? Haben
sie sich zu dem Gefühl nicht das passende
Sujet gewählt?

Wir sehen in den Kunstwerken aller Zeiten
es am deutlichsten, wie das Menschengeschlecht
sich verändert hat, wie niemals dieselbe Zeit
wieder gekommen ist, die einmal da war; wie
können wir denn auf den unseligen Einfall
kommen, die alte Kunst wieder zurückrufen
zu wollen? In der ägyptischen Kunst sehen
wir das Harte, Eiserne und Rohe des Men-
schengeschlechts. Die Griechen empfanden ihre
Religion und sie lösete sich in Kunstwerke auf.
Michelangelo war der höchste Punkt in der
Komposition, das Jüngste Gericht ist der Grenz-
stein der historischen Komposition, schon Raffael

hat sehr vieles nicht rein historisch Kom-
poniertes geliefert, die Madonna in Dresden
ist offenbar nur eine Empfindung, die er durch
die so wohl bekannten Gestalten ausgedrückt
hat, nach ihm ist eigentlich nichts Histori-
sches mehr entstanden, alle schönen Kompo-
sitionen neigen sich zur Landschaft hin, —
die Aurora von Guido; es hat noch keinen
Landschafter gegeben, der eigentliche Bedeu-
tung in seinen Landschaften hätte, der Alle-
gorien und deutliche schöne Gedanken in eine
Landschaft gebracht hätte. Wer sieht nicht
Geister auf den Wolken beim Untergang der
Sonne? Wem schweben nicht die deutlichsten
Gedanken vor die Seele? Entsteht nicht ein
Kunstwerk nur in dem Moment, wann ich
deutlich einen Zusammenhang mit dem Uni-
versum vernehme? Kann ich den fliehenden
Mond nicht ebenso festhalten wie eine fliehende
Gestalt, die einen Gedanken bei mir erweckt,
und wird jenes nicht ebenso ein Kunstwerk?
Und welcher Künstler, der dieses in sich fühlt,
den die Natur, die wir nur noch in uns selbst,
in unserer Liebe, und an dem Himmel, rein
sehen, erweckt, wird nicht nach dem rechten
Gegenstande greifen, um diese Empfindung an
den Tag zu legen? wie könnte ihm da der
Gegenstand mangeln? Solch ein Gefühl muß
also dem Gegenstande noch vorausgehen; wie
ungereimt also eine Aufgabe? — Wie können
wir nur denken, die alte Kunst wieder zu
erlangen? Die Griechen haben die Schönheit
der Formen und Gestalten aufs Höchste ge-
bracht in der Zeit, da ihre Götter zugrunde
gingen; die neueren Römer brachten die histo-
rische Darstellung am weitesten, als.die katho-
lische Religion zugrunde ging: bei uns geht
wieder etwas zugrunde, wir stehen am Rande
aller Religionen, die aus der katholischen ent-
sprangen, die Abstraktionen gehen zugrunde,
alles ist luftiger und leichter als das Bishe-
rige, es drängt sich alles zur Landschaft, sucht
etwas Bestimmtes in dieser Unbestimmtheit
und weiß nicht, wie es anzufangen! Sie grei-
fen falsch wieder zur Historie und verwirren
sich. Ist denn in dieser neuen Kunst — der
Landschafterei, wenn man so will, — nicht
auch ein höchster Punkt zu erreichen, der
vielleicht noch schöner wird wie die vorigen?
Ich will mein Leben in einer Reihe Kunst-
werke darstellen; wenn die Sonne sinkt und
wenn der Mond die Wolken vergoldet, will

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