Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

Page: 120
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1923_1924/0129
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ROLF SCHOTT RADIERUNGEN ZU HÖLDERLIN

ROLF SCHOTT

Der Graphiker Rolf Schott, in Mainz geboren,
einunddreißigjährig, mit frühen Jahren
schon auf großen Reisen durch Süd- und Süd-
ost-Europa, Kunsthistoriker zuerst, dann Zeich-
ner und Schriftsteller, geht in seiner zarten
Kunst bewußt und eindeutig vom Linearen aus.
Das Flächige ist ihm fremd, Rembrandt und
Rubens sind ihm fremd, Michelangelo und
Lionardo sind ihm Idol, Mantegna und Poussin,
Ingres und Prud'hon, Carstens und Genelli sind
ihm Vorbild. Rolf Schott ist ein Neo-Nazarener,
mit der sanften Frömmigkeit und dem nicht
beirrten Wohllaut der deutschen Römer, im
Herzen die neuplatonische Ideal-Realität des
Plotin und des Pico della Mirandola und voll
der Erkenntnisart des Novalis, daß das Schaffen
tief bewußt sein müsse. So ließ das letzte De-
zennium des anrennenden und schon verebben-
den Expressionismus diesen weltanschaulich ge-

festigten und von Grund auf humanistischen
Künstler völlig unberührt. Dem Kenner Burck-
hardts und Schüler Wölfflins erschütterte diese
Welle des Imaginären und Inspirativen (für
ihn also Nicht-Gebildeten) für keine Sekunde
die konturliche und zart-sichere Hand. Und
auch der neue Triumph des gewaltigen Grüne-
wald beirrte nicht seinen Blick, der seinen
Christus nicht als Schmerzensmann sehen will.

Rolf Schott begann sein graphisches Werk
mit dem „Pierrot", einer Folge von feinnervi-
gen, melancholischen und preziösen Zeichnun-
gen, die sich bis zum Schicksalsmäßigen stei-
gern (vgl. diese Zeitschrift, Septemberheft 1917).
Es folgen sechs Radierungen zu einer Luxus-
ausgabe von Hölderlins „Hyperion", die für
mich zu den schönsten Buchillustrationen des
Künstlers gehören: ein ganz zartes und be-
sonnenes, ganz platon-klares Accordando zur

120
loading ...