Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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werk. Überraschungen und Seltenheiten birgt die
Ausstellung in Menge, ich weise nur auf einen
wundervollen vorrömischen Schnorr von Carolsfeld
und auf Radierungen Blechens, sowie auf ein un-
geschnittenes Original von Rethels Totentanz hin.

Ein Januskopf ist diese Ausstellung; und nie
hat man der Romantik und den Biedermeiern so
nahe gestanden wie heute. Dr. Johannes Rentzsch

NEUE KUNSTLITERATUR

Giedion, S., Spätbarocker und romanti-
scher Klassizismus. 240 S. mit 101 Abbildungen.
München, F. Bruckmann A.G. Gebunden 8 M.

Der Klassizismus von 1800 steht im Zeichen
doppelten Interesses. Einmal für die heutige Kunst,
die nach den mächtig bewegenden Einströmungen
letzter Zeit sich nach kräftig kühlender, festigen-
der Ruhe sehnt. Andrerseits für die Wissenschaft,
der gerade für die 1800-Periode noch eine Fülle
ungelöster geistesgeschichtlicher Probleme harren.
Trotz beträchtlicher Vorarbeiten auf verschieden-
sten Gebieten konnte der sogenannte Klassizismus,
mindestens innerhalb der bildenden Kunst, als
fruchtbarstes Arbeitsfeld noch offen vor uns liegen,
was leicht zu begründen ist. Die letzten Genera-
tionen haben sich mehr für den seelisch reich
bewegten Naturalismus des Barock erwärmt oder
andrerseits für die still schwärmerischen Fernen
der Romantik. Indem nun eine Reaktion einsetzt,
dürfte sich auch das stets bedingte wissenschaft-
liche Interesse umstellen. Es dürfte sich zugleich
erweisen, daß auch diejenigen Kunstgebiete, die
vor 100 Jahren nicht im produktiven Vordergrund

gestanden scheinen, mehr vom Geiste dieser großen
Zeit Europas in sich tragen, als man unter der
äußeren Rezeptionshülle vor allem der Architektur
bisher gesehen hat. Unter der Reihe der Arbeiten,
die über dies Gebiet erschienen (und in Aussicht
stehen), muß die von S. Giedion als eine kräftige
und entschlossene Leistung gerühmt werden. Sie
weiß, ohne allzu umschweifend vom Lebensgefühl
der Zeit zu reden oder gar mit an- oder abspre-
chenden Werturteilen in den Vordergrund zu treten,
den Bau- und Raumkörper der Architekturen selbst
zu greifen. Wobei sinnenstark und anschaulich
vorgegangen wird, ohne daß die systematisierende
Abstraktionskraft wiche. Zuerst wird die Schich-
tung und Durchbildung der Wand gegeben, dann
die Raumbildung und schließlich die Raumfolge.
Kein Mensch wird das Buch verlassen, ohne wich-
tige Einsichten mitgenommen zu haben, besonders
ist es auch den Architekten zu empfehlen. Auf
wissenschaftliche Einzelfragen ist hier nicht ein-
zugehen. Gesagt sei nur, daß die Haupttendenz
des Buches darin liegt, den 1800-Klassizismus
mitten durchzuteilen und die eine Art als latentes
Barock, die andre als schon vorhandene Romantik
anzusprechen. Fällt dadurch ganz neues Licht auf
die verschiedensten Erscheinungen (besonders auch
auf Schinkel), so mögen doch weitere Diskussionen
festlegen, ob wir wirklich von einer dritten Sonder-
struktur lassen dürfen, die weder Barock noch
Romantik ist (Gilly etc.). Dies gilt auch, wenn
es sich nur um einen schmalen Grat handeln sollte,
den man abtragen möchte, wie etwa bei der Re-
naissance im Sinne der „Klassischen Kunst", wo
ebenfalls und aus verwandter Zeitstellung heraus
mancher Forscher heute nur ausklingendes Mittel-
alter oder einsetzendes Barock sehen möchte. Roh

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