Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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GEORG PHILIPP SCHMITT

DER MALER IM KREISE SEINER FAMILIE

ZUR AUSSTELLUNG „ROMANTIK UND BIEDERMEIER"

Es scheint, daß man heute mit der Erfahrung
einer ioojährigen Entwicklung und mit der
Einsicht in die Möglichkeit einer urtümlichen und
zugleich zeitergriffenen Kunst gerechter über die
vielstrebige Epoche der deutschen Romantik und
Biedermeier, insbesondere über die Nazarener,
urteilen kann. Das Verdienst großer überblickender
Ausstellungen wie der vorliegenden besteht darin,
daß man hier ein solches Urteil, wenn nicht findet,
so doch aus der lebendigen Anschauung sich be-
stätigen läßt. 300 Werke dieser Zeit sind aus
Privatsammlungen, von öffentlichen Galerien we-
sentlich unterstützt, hier zusammengetragen und
zwar, was das Urteil nur günstig beeinflussen
kann, in der Hauptsache Aquarelle, Handzeich-
nungen mit Blättern guter Graphik und nur wenige
erlesene Gemälde von C. D. Friedrich, Dahl,
Blechen,Franz-Dreber, Rottmann, einer Heidelber-
ger Malerfamilie u. a. Die Gruppierung ist wichtig:
von einer Ehrenwand für L. Richter — ange-
schlossen ist Schwind — im neutralen Scheitelpunkt
der Ausstellung ist die norddeutsche Romantik
(Dresdner, Berliner, Hamburger und Düsseldorfer
Kreis) der süddeutschen (Wiener, Münchner und

Heidelberger Kreis) scharf betont gegenüberge-
stellt; mit einem Blicke wird man sich des Wesens-
unterschieds bewußt.

Das Naturerlebnis des Nordens in Luft und
Licht, d. h. die Stimmungslandschaft mit Anläufen
zum späteren malerischen Stil auf der einen Seite,
geht parallel mit der religiös-menschlichen „Ge-
dankenmalerei" hohen Stils, für die in der großen
Linie des Fresko ein Ausdruck gesucht wird, auf
der andern Seite.

Gefühlstiefe Gestaltung, auch bei zeichnerischer
Grundlage, können beide Richtungen für sich in
Anspruch nehmen. Die Ergriffenheit beider erklärt
sich aus dem Widerspruche gegen den entgötterten
Rationalismus und den herrschenden Akademie-
betrieb. Zum Beweise liegen Beispiele klassizisti-
scher Richtung aus.

Auch zum Erlebnis lebendiger Anschauung bei
Runge, auch zur Stimmungslandschaft Friedrichs
gesellt sich einVerhältnis zur Literatur. Ossianische
Stimmung, Freundschaftsschwärmerei, religiöse
und patriotische Momente sind ein Erbe aus der
Klopstock - Wertherzeit. Ruinensentimentalität,
Schwermut der Gräberromantik ist ein neuer,

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