Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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JOHANNES THIEL

Verlag von H. Trittler, Frankfurt a. M.

DIE RIVALEN

AUSDRUCKSKUNST UND KARIKATUR

Ausdruckskunst ist der vollkommene, aber un-
. bewußte Ausdruck des geistigen und see-
lischen Lebens der Epoche. Karikatur ist die
teilweise, aber bewußte Verzerrung dieses gei-
stigen Lebens. Ausdruckskunst ist die Bejahung
des Geisteslebens der Epoche und wird, wenn
die geistige und künstlerische Entwicklung eine
normale ist, folgerichtig aus ihr hervorgebracht.
Sie entsteht mit Notwendigkeit aus dem Über-
maß bestimmter Gefühle und bringt in unbe-
wußter Hemmungslosigkeit diese Gefühle zum
Ausdruck. Einen solchen Vorgang beobachten
wir in der romanischen Plastik Frankreichs, in
der deutsch-gotischen Plastik und Malerei.

Karikatur ist ins Lächerliche gezogene Aus-
druckskunst. Wodurch entsteht nun aber das
Lächerliche des Ausdrucks? Die Übertreibung
bestimmter Eigentümlichkeiten, das scharfe
Pointieren als charakteristisch empfundener und
kontrastreicher Situationen ist es nicht allein,
was die Karikatur ausmacht. Die Übertreibung
der Form, wie das Übermaß in der Betonung
des Kontrastes zwischen dem Geschehnis und
der Umgebung kann ebensogut erschütternd,
tragisch und unheimlich wirken. Das was wir
als Karikatur bezeichnen und als komische Wir-

kung eines übertreibenden formalen Ausdrucks
empfinden, liegt einerseits in dem Kontrast zwi-
schen der Darstellungsmethode und der allge-
mein üblichen Kunstform, in der formalen Ne-
gierung also des Kunstschönen und Kunstwah-
ren, andrerseits in dem Konflikt der zum Aus-
druck gestalteten Weltanschauung mit der herr-
schenden Konvention.

Jedoch gilt dies letztere Moment im wesent-
lichen nur für den Augenblick, in welchem die
Karikatur entsteht, d. h. in welchem der Be-
schauer den Konflikt einer anders gearteten
Weltanschauung mit der herrschenden Konven-
tion noch als etwas Aktuelles empfindet. Vor
allem kommt hier die politische Karikatur in
Frage, deren Sinn meist schon für die nächste
Generation verlorengegangen ist. Cruikshanks
Karikaturen sind typisch in dieser Hinsicht. Um
sie zu verstehen, muß man Thackeray und
Dickens gelesen haben. Eine dauernde humori-
stische Wirkung kann nur die Karikatur aus-
üben, welche dauernd sich gleichbleibende
menschliche Schwächen und menschliche Denk-
fehler zum Gegenstand der satirischen Darstel-
lung gewählt hat. Daher die Erscheinung, daß
Werke dieser Art, die menschliche Unvollkom-

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