Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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ERICH WASKE

Man konnte in den Ausstellungen kurz nach
dem Kriege, auch schon in der letzten
Kriegszeit, in der allgemeinen Richtung der
Maler eine Wandlung erblicken. Wer viele Aus-
stellungen besuchte und darauf acht gab, dem
mußte es eigentlich deutlich werden, daß zwi-
schen der Gegenwart und der Vorkriegszeit
eine tiefe Lücke klaffte; daß Menschen, die
man früher genau kannte, ein völlig verändertes
Äußere zeigten, eine Metamorphose erlebt hat-
ten, die niemand ihnen zugetraut hätte (sie
selbst am wenigsten). Da waren Leute, die ihr
Leben lang nicht an Ernstes, Tragisches ge-
dacht hatten, Künstler vom alten Typ, mit
Stirnlocke und Kaffeehausphilosophie, mit Samt-
jakett und Zigarette, dekadent, politisch indiffe-
rent, latitudinarisch. Sah man sich diese Gesell-
schaft, oder wenigstens einen Teil davon nach
dem Kriege an, so waren sie gar nicht wiederzu-
erkennen. Da waren gar ernste Leute aus ihnen
geworden, voll Verständnisses auf einmal für
letzte Fragen, für Sinn und Weg des Lebens,
voll tragischer Auffassung, sittlicher Strenge,
von kosmischem Gemeingefühl erglüht. Es war,
als ob sie sich der Frühzeit schämten und die
Welt gleichsam abgeschworen hätten.

Höher zu bewerten waren natürlich Naturen,
denen die Gegebenheiten der Zeit und des Tages
nicht erst Anlaß zur Um- und Abkehr zu werden
brauchten, die in sich, im Schatz des Gemüts,
im Fundus der Intelligenz bereits die Tiefen auf-
wiesen, die uns staunend aufblicken lassen. Unter
diese tiefangelegten Menschen rechne ich Erich
Waske, der mir als Mensch ebenso hoch steht
wie als Künstler. Ein Grübler, ein Sinnierer,
ein blonder Träumer, der dichtend den Welten-
weg nacherlebt und alle Gefühle des Allwerdens
fühlt, klopstockisch den großen Gedanken der
Schöpfung noch einmal denkt.

Am 24. Januar 1883 wird er bei Berlin als
Sohn eines Kaufmanns geboren. Großstadt und
Schule sind ihm Fesseln, von denen er ferien-
froh am Meer aufatmet. „Der letzte Ferientag
war immer trostlos, noch mehr der letzte und
allerletzte Blick aufs Meer." Der Zeichenunter-
richt führt zur Entdeckung des Künstlers. Die
Schullaufbahn endet mit der Primareife und
leitet nicht zum Kaufmannspult, wie „Vernünf-
tige" rieten, sondern zur Akademie, die 1906
bis igo8 besucht wird. Sie bringt nicht die er-
wartete Erfüllung, sondern kalten Formendrill.
Dabei das Gefühl, „daß der einzige Lehrmeister
nur die Konzentration auf die in uns lebende
Kraft Gottes sein kann". Diese, einer ganz
knappen Lebensskizze Waskes entnommenen

Worte bezeichnen seinen frühen Willen zum
Eigenleben. Da befreit ihn ein halbes Jahr Mün-
chener und Schleißheimer Einsamkeit vom Bann
impressionistischer Anschauungsweise. Das Blau
des Himmels vertieft sich, das glühende Orange
der Kornfelder leuchtet auf. Er ringt mit der
Sonnenpracht. Die Prosa des Kasernenhofs
unterbricht diese Träume schrill. Aber die „Neue
Secession" bringt 1911 schon den Erstling sei-
ner neuen Richtung. 1912 folgt Weiteres auf
der Juryfreien Ausstellung. Ein Pariser Seme-
ster bringt inmitten impressionistischer Milieu-
kunst scheinbaren Rückweg zur Natur. Pariser
Grau der Hinterhäuser und Gärten führt zu
genauer Hingabe an Wirklichkeiten. Es ent-
steht in Erinnerung daran die „Brasserie", die
jetzt als Wahrzeichen einer Durchgangsstation
im Atelier prangt. Der Künstler selbst beob-
achtet da mit verinnerlichter Aufmerksamkeit
Eintagsmenschen in ihren modernen Kostümen,
koketten Uniformen, oberflächlichen Unterhal-
tungen oder in Zeitungslektüre. Es ist gut gemalt
und zeigt gediegene Schulung, aber es ist nicht
Waske, ist Boulevardkunst. Ganz allmählich
gewinnt die bessere Natur wieder die Oberhand,
die heißgeliebte Sonne tritt gebieterisch an die
Spitze der Welt. Wolken, Sonne, Meer heben
berauschendes Tönen an. Die entscheidende
Entwicklung will anheben, da bricht der Welt-
krieg aus, der „große Völkerwahnsinn". Be-
zeichnend das Eingeständnis, daß die erhabene
Reinheit und Teilnahmslosigkeit der Natur
angesichts so schrecklicher Vorgänge oft von
niederschmetternder Gewalt gewesen sei. Erst
nach dem Kriege wird das Unterbrochene an-
geknüpft. Die Ehe mit einer hochgebildeten,
schönen Lebensgefährtin eröffnet neue Aus-
blicke und läßt poetische Hochtöne schwingen.
In tropische Weiten lockt Zukunftshoffnung.
Heut steht Waske auf der Höhe. Jede große
Ausstellung legt von seinem Können Zeugnis
ab, die Meisterzeit ist angebrochen.

Stecken wir zunächst einmal Waskes Art
von der der künstlerischen Nachbarn ab. Es
gibt unter den heutigen Expressionisten ersten
Ranges einige, die in der Form mit der Gegen-
standsherrschaft des Impressionismus gebrochen
haben, aber auch nur in der Form. Der Im-
pressionismus hat seine hohen Verdienste, und
vor einem Renoir und Monet werden wir das
Staunen und Entzücken nicht los, können so-
viel empfinden wie vor den Neuesten. Die
Frage bleibt nur, wieviel solcher Empfindung
wir aus Eignem zu bestreiten haben, wieviel
dem Maler gehört, und da werden wir oft die

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