Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

Page: 236
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1923_1924/0250
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die Kraft des Überdrusses ist eine größere
schöpferische Gewalt des Daseins als die Kraft
des Wohlgefallens. Die erste treibt zum Ver-
ändern, die zweite nur zum Erhalten.

Die großen Kunstwerke sind die einzigen
Festungen, die von der Zeit nicht gestürmt
werden. Wo sich eine geistige Macht in ihnen
festsetzt, ist sie unüberwindlich.

Das zeigt die katholische Kirche.

Das Schattenreich der Griechen, in dem die
Abgeschiedenen weiterleben müssen als blut-
lose Schemen, sieht man schaudernd verwirk-
licht, wenn man um sich schaut in der Kunst

seiner Zeit. Die Alten dachten es sich schlim-
mer als das Nichtmehrsein.
Wie fein sie empfanden!

Vor hundert Jahren sagte man: Wenn ein
Raffael ohne Arme geboren wäre, würde er doch
der große Künstler sein.

Heute sagt mancher: Wenn ein Raffael ohne
Augen geboren wäre, könnte er doch ein gro-
ßer Künstler sein.

Wenn man die unwirklichen Vorstellungs-
bilder heutiger Künstler sieht, wird einem klar,
wie wenig man von der unfixierten Kunst
derer weiß, die nur im Geiste schauen können.

Nur wer trunken sein kann vom Wein des
eigenen Blutes, darf Künstler werden.

Fritz Schumacher

SCHRAUDOLPH MOSES IM BINSENKÖRBCHEN (ZEICHNUNG)

236
loading ...