Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Leitschuh: Eine moderne Kunstgewerbeschule.

EiNe mqperNe

KuNstgeWerbesöule

Von Prof. Dr. LEITSCHUH

war vielleicht ein allzu gewagtes
Wort, als die Strassburger Kunstgewerbe-
Schule, oder richtiger das an ihr
herrschende Lehrsystem — im Vergleich
zu dem Lehrsystem der meisten übrigen
deutschen Kunstgewerbeschulen — eine
«kunstgewerbliche Secession» genannt
wurde. Denn ist auch in der Malerei —
auf deren Gebiet sich eine Secession in
erster Linie vollzog — eine Richtung be-
rechtigt, welche die getreue Anlehnung
an die Natur auf ihre Fahne geschrieben
hat, so kann daraus nicht ohne weiteres
geschlossen werden, dass der Bruch mit

allem hergebrachten Formenschatz auch
dem Kunstgewerbe in seiner Gesammtheit
nützlich und nothwendig sei.

Das freie malerische Erfassen der
Naturgebilde hat unbestritten seine volle
Berechtigung vor allem da, wo das Kunst-
gewerbe auf die dekorative Anwendung
natürlicher Gebilde angewiesen ist; dies
trifft stets zu, wo es sich darum handelt,
schon vorhandene Gebilde mit einem
schmuckvollen Gewand zu bekleiden, mit
einem Wort: bei der Flächendekoration
und in allen Fällen ausserdem auch da,
wo weder das Material, bezw. die Tech-
nik, noch der Zweck der mehr oder
weniger malerischen natürlichen Dar-
stellung im Wege sind.

Die enge Grenze, die man mit der
Beschränkung der Anwendung der Natur-
gebilde auf die Flächendekoration zu
ziehen so gerne geneigt ist, lässt sich bei
dem unabänderlichen Gang der Ent-
wicklung kaum aufrecht erhalten. Eine
Schule aber, welche die neue Richtung ver-
tritt, muss sich freilich doppelt hüten, in
Uebertreibungen zu verfallen, wie wir sie
bei den stürmischen Neuerern finden.

Die Strassburger Schule lässt niemals
ausser Acht, dass das Kunstgewerbe in
seinen Gebilden den Zweck und das
Material vor allem erwägen muss, dass
es sich ferner zur Aufgabe machen muss,
die Naturgebilde für die speziellen Zwecke
umzuformen. Bei solchem Standpunkte
kann dann das Zurückgreifen auf die
Naturform nicht nur auf das äussere
Gewand, sondern auch in vielen Fällen
auf den für die Gesammterscheinung so
wichtigen Aufbau von bedeutsamem Ein-
fluss werden.

Und die weiteren Consequenzen, die
sich daraus ergeben, bedürfen keiner be-
sonderen Betonung.

Die Strassburger Schule, die das
freie malerische Erfassen der Naturgebilde
anstrebt, ist aber trotzdem weit davon
entfernt, im Uebereifer die Anschauung
zu vertreten, die Kleinkunst müsse sich
von den Einflüssen der Architektur los-
lösen und nach malerischen Grundzügen
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